Serie: Die Kunst, das Leben einfach zu genießen (1)
Ausgabe: 2000/26, Ruhe und Muße
27.06.2000
- Martin Kranzl-Greinecker
Die Ferienzeit steht vor der Tür. Fernreisen und Abenteuer-urlaube sind gebucht. Wie glücklich aber sind jene, die ohne großen Aufwand das Leben genießen können!
„Wer nicht genießen kann, wird mit der Zeit ungenießbar“, lautet ein geflügeltes Wort, das wie die Umkehrung der von Christen durch Jahrhunderte gepflegten Devise „Leiden, ertragen und opfern“ klingt. Um möglichen Einwänden von Vornherein zu begegnen: Es geht nicht darum, Schweres zu verdrängen und schon gar nicht geht es um ein Ja zur gegenwärtigen, egozentrischen Fun- und Spaßideologie. Muße, Ruhe, Entspannung, sich dankbar zurücklehnen und genießen sind Erfahrungen, die im Getriebe des Alltags oft zu kurz kommen. Längst ist der Sonntag, der durch Generationen für diese lebensnotwendige Erfahrung freigehalten wurde, entweder in die Produktionszeit integriert oder dem Freizeitstress geopfert. Viele Menschen unserer Zeit verfrachten Erholung ausschließlich in ihre Urlaubszeit oder hoffen auf eine unbestimmte Zukunft („In der Pension lasse ich es mir einmal gut gehen …“). Dabei benötigt doch jeder Tag den Wechsel von Anspannung und Entspannung!
Das Wort „Genuss“ hat mit dem Wort „Nutzen“ etwas zu tun. Ursprünglich meinte Genuss die Freude und Dankbarkeit darüber, was man benützen konnte, z. B. ein Fischfang. Diese Bedeutung gilt auch heute. Niemand wird größere Freude und Dankbarkeit über das Leben haben, als der Mensch, der sich regelmäßig Aus-Zeiten der Ruhe vergönnt, um danach die eigenen Kräfte wieder nutzbringend einzusetzen. In einem Segen aus Irland heißt es: „Nimm dir Zeit zu arbeiten – das ist der Preis des Erfolges. Nimm dir Zeit zu spielen – das ist das Geheimnis der ewigen Jugend. Nimm dir Zeit zu lesen – das ist die Grundlage der Weisheit. Nimm dir Zeit zu träumen – sie bewegt dein Gefährt zu einem Stern. Nimm dir Zeit zu lachen – das ist Musik für deine Seele.“*
*Aus: Hermann Multhaupt (Hg.), „Mögest Du immer ein Kissen für deinen Kopf haben.“ Segenssprüche aus Irland. Grünewald-Verlag 1998.