Im Stift Schlierbach „verloren“ die Ordensbrüder, die Hauskatzen und die Mesnerin zeitweise den Boden unter den Füßen: Dieser war für eine Künstlerin reserviert, die hier den Spuren des Lebens nachging.
Wochenlang ist die Künstlerin Irmi Kapeller in Gängen, Hallen, Vorhöfen und im Kirchenraum unterwegs gewesen und hat nach Rissen, Ritzen und Sprüngen gesucht. Kapeller arbeitet meist vor Ort und hat da auch viele interessante Begegnungen. Was Kunst ist, wird dabei nicht theoretisch abgehandelt, sondern praktisch erfahrbar. „Wenn jemand z. B. (un)absichtlich einen Fußabdruck in meinen am Boden liegenden Arbeiten hinterließ. Spannend war für mich, was die Leute in meine Arbeit hineininterpretiert haben“, erzählt die Künstlerin im Gespräch. „Ich bin mit meiner Arbeit auch an Grenzen gestossen. Manche haben geglaubt, ich mache wissenschaftliche Tests, andere haben gedacht, ich restauriere hier.“ Risse im Gebäude und auf den Böden hat die Künstlerin auf Latex übertragen und anschließend abgenommen. Zurückgeblieben sind saubere Stellen an den Wänden und unterschiedliche Abdrücke, die von Irmi Kapeller im Atelier gerahmt wurden. Seit 1995 beschäftigt sich die Oberösterreicherin, die auf der Linzer Kunst-Universität Bildhauerei studiert hat, mit dem Thema „Haut und Hülle“. Haut ist gleichzeitig abgrenzende und verbindende Fläche, Haut trägt die Spuren der Zeit wie Narben, Falten in und auf sich.
Falten sind schön
Kapeller: „Ich finde Falten schön. Man soll dazu stehen. Warum soll man alles glatt machen? Ich möchte Falten und Narben abdrücken und eine Haut darüber legen, damit man diese Falten sieht. So wie in der Haut, zeichnet sich auch in Gebäuden eine Geschichte ein.“ Und so, wie in der christlichen Überlieferung das Schweißtuch der Veronika eine Momentaufnahme ist, die Narben und Verwundungen aufzeigt, so möchte auch die Künstlerin Verletzungen und Spuren der Zeit sichtbar machen. In ihren Werken werden Wund- und Brandmale der Architektur sichtbar, die Ausstellung im Stift Schlierbach trägt daher den Titel „Stigmata“.
Eröffnung der Ausstellung „Stigmata“ am 30. Juni um 18.30 Uhr. Ort: Margret-Bilger-Galerie des Zisterzienserstiftes Schlierbach. Dauer: 30. Juni bis 10. SeptemberInternet-Tipp: www.stift-schlierbach.at