Beim Autofahren geht es auch um Werte– Kirchen als Verbündete gefragt
Ausgabe: 2000/27, Autofahren, Raser,
04.07.2000
- Hans Baumgartner
„Aktion scharf“ gegen Raser, Rowdys und Alkolenker. „Todesfallen“ auf der West- und Südautobahn. Das „Schlachtfeld Straße“ ist zu Beginn der Hauptreisezeit in aller Munde.
Österreich zählt zu den unfallträchtigsten Ländern Europas. Nach einem Rückgang vor zwei Jahren (Einführung der 0,5-Promille-Grenze) steigt die Zahl der Verletzten und Verkehrstoten wieder an. Ob die neuesten Großplakate mit martialischen Geiern und dem Spruch „Hallo Raser, wir warten auf dich“ daran etwas ändern, ist zu bezweifeln. „Es gibt zwar eine relativ große Gruppe von Autolenkern, die man mit seriösen Informationen oder pointierten Aktionen zur Bewußtseinsbildung gut ansprechen kann“, betont der Psychologe Wolf Dieter Zuzan vom Kuratorium für Verkehrssicherheit. „Aber das sind jene, die sich ohnedies bemühen, so zu fahren, wie es die Regeln und die Verkehrsbedingungen zulassen. Die Gruppe der auffälligen Autofahrer kann man mit Argumenten oder Nachdenkimpulsen kaum beeinflussen. Für diese Gruppe ist das Auto oder Motorrad ein Instrument, um Spaß zu haben, die Freiheit zu genießen, Selbstbestätigung zu bekommen. Das eigene Risiko wird dabei bewusst in Kauf genommen, der Kick ist das wert – so wie man eben auch immer riskantere Freizeitbeschäftigungen ausprobiert. Die Verantwortung für die Gesundheit und das Leben anderer wird nicht ernst genommen“, weiß Zuzan aus seiner Praxis bei der Nachschulung von Verkehrs-tätern. „Bei dieser Gruppe muss auch Druck gemacht werden.“
Kirchen zu lebensfremd
Verkehrserziehung, so Zuzan, dürfe nicht bei Verkehrszeichen und Vorrangregeln aufhören. „Es geht hier auch um Werterziehung: um Respekt vor dem Leben, um den Umgang mit der eigenen Freiheit und der Achtung vor der Freiheit des Mitmenschen. Und letztlich geht es auch um religiös-philosophische Grundfragen: Besteht der Sinn des Lebens wirklich darin, die ,Sau rauszulassen‘ und um jeden Preis Spaß zu haben?“ In diesem Zusammenhang sieht Zuzan auch das häufig fehlende Schuldbewusstsein bei Verkehrstätern. Das sei eben „Schicksal“ oder man habe „Pech“ gehabt, bekomme er oft zu hören. Weil es in der Verkehrserziehung auch um Wertfragen geht, bemüht sich Zuzan seit vielen Jahren um eine Zusammenarbeit mit den Kirchen. Behelfe und Predigtunterlagen für Religionslehrer/innen und Seelsorger wurden – zum Teil gemeinsam mit der MIVA – ausgearbeitet. Während Zuzan die Zusammenarbeit mit den „Praktikern“ schätzt, ist er von der wissenschaftlichen Theologie enttäuscht. „Von dieser Seite würde ich mir mehr Interesse für Fragen des konkreten Lebens wünschen. Eine Ethik und Spiritualität, die mit dem Alltag kaum was zu tun hat, taugt nichts.“ Mehr Kirchen- und Christenengagement wäre, so Zuzan, auch für die Durchsetzung der notwenigen Maßnahmen im Bereich der Politik und Behörden (s. Kasten) wünschenswert. Denn schließlich gehe es hier um nicht weniger, als Gesundheit und Leben zu schützen und Leid hintanzuhalten.
Zur Sache:
13 Verkehrstote und 700 Verletzte hat es am Pfingstwochenende gegeben, 16 Tote in der Fronleichnamswoche – trotz der „Aktion scharf“. Im letzten Jahr gab es 1097 Tote auf den Straßen und 55.000 Verletzte. Die Zunahame beträgt heuer bereits 8 Prozent.
Der Politik fehlt der Mut
Wolf Dieter Zuzan vom Kuratorium für Verkehrssicherheit sieht mehrere Ursachen für das Ansteigen der Unfallrate: Es werden mehr schnellere Autos gekauft und die verbesserte Fahrzeugtechnik schluckt auch das Gefühl für Gefahren; die Verkehrsdichte hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt; die Gruppe der auffälligen Fahrzeuglenker wird von den Behörden zu wenig hart angefasst. Ein Beispiel: der Probeführerschein hat einen Teil seiner beabsichtigten Wirkung verloren, weil die Behörden die Sanktionen nicht ausnützen. „Wir haben heute viel weniger Nachschulungen als zu Beginn, aber nicht, weil die jungen Lenker braver geworden wären“, betont Zuzan.
Als Maßnahmen fordert Zuzan unter anderem: eine dauerhafte und konsequente Überwachung. Dazu brauche man nicht mehr Beamte, sondern die Möglichkeit, härtere Strafen vor Ort abzukassieren anstatt aufwendiger Anzeigen. Ein konsequentes Anwenden aller Sanktionsmöglichkeiten, von Nachschulungen bis entsprechend harter Strafen bei schweren Vergehen. Gerade die Spruchpraxis der Gerichte sei hier oft ziemlich lax. Und schließlich die Einführung des Punkteführerscheins zur Ahndung von Wiederholungstätern bei schweren Delikten. Dazu fehle der Regierung derzeit aber offenbar der Mut. Bis es soweit ist, müssen noch zu viele Menschen unnötig sterben, fürchtet Zuzan.