Serie: Die Kunst, das Leben einfach zu genießen (2)
Ausgabe: 2000/27, Schlaf, Nachtruhe
04.07.2000
- Martin Kranzl-Greinecker
Im Vergleich mit anderen Ländern ist Österreich eine Frühaufstehernation. Der Alltag beginnt oft mit Augenreiben und der Sehnsucht, noch ein wenig zu schlafen. Vielen ist das nur im Urlaub vergönnt.
Ohne Zweifel ist der Schlaf eine der größten Erfindungen Gottes. Wie gut tut es, müde und erschöpft die Augen zu schließen, abzuschalten, in eine ganz andere Welt geführt zu werden und nach dem Erwachen einen kleinen Neubeginn zu erfahren? „Wenn du dich niederlegst, erquickt dich dein Schlaf“, heisst es im biblischen Buch der Sprichwörter (2, 24). Schlaf regeneriert nicht nur, er hat auch heilende, tröstende und beruhigende Wirkung. Vor großen Entscheidungen, so heisst es, soll man noch einmal „darüber schlafen“. In manchen Familien und Gegenden ist es verpönt, lange zu schlafen. Rechtschaffene Leute stehen mit dem Hahn auf und nutzen das Tageslicht, ist dann zu hören. Man darf kein Dogma aus solchen Sätzen machen. Wenn die Pflicht ruft, dann heisst es klarerweise aufstehen. Zu Ferienzeiten oder am Wochenende aber darf ich guten Gewissens das Geschenk des Schlafens auskosten. Wer gut ausgeruht ist und den Tag langsam, vielleicht mit einem gediegenen Frühstück beginnt, hat viel Kraft für den Tag und wird das, was es zu tun gibt, gut tun – was übrigens nicht heißt, die Zeit zu verschlafen. Sonst könnte durchaus die Frage aus dem Buch der Sprichwörter gelten: „Wie lang, du Fauler, willst du noch daliegen, wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?“ (6, 9) Und es gilt auch im genüsslichsten Schlummer – so unpassend es klingen mag – die Mahnung zur Wachsamkeit: „Ihr wisst weder Tag noch Stunde!“ (Mt 25, 13)Seit Jahrtausenden gilt der Schlaf als Abbild des Todes. So sagte auch Jesus über seinen verstorbenen Freund Lazarus und über ein Mädchen, das für tot gehalten wurde: „Sie schlafen!“(Joh 11, 11; Mt 9, 24). Im Vergleich des Schlafes mit dem Tod und in der Erfahrung liegt wohl ein Hauptgrund, dass Menschen um den besonderen Schutz Gottes während des Schlafes bitten. Ein irischer Segensspruch formuliert es so: „Möge Gott sich mit mir niederlegen und seine beiden Hände auf meiner Decke halten.“