14. Jänner 1997. BischofStecher feierte mit der Innung der Tiroler Gärtner und Floristen eine Messe. Im Folgenden Auszüge aus der Predigt:
Ich bin mir bewusst, dass Sie aus einer Alltagswelt kommen, die – wie in jedem Beruf und Geschäft – auch geprägt ist von Sorge und Anspannung, von wirtschaftlichen Problemen, die heute da sind, von Konkurrenz, Kalkulation und Risiko, das bei einer vergänglichen Ware wie der Ihren immer gegeben ist. Aber jetzt, in dieser Stunde, in der Atmosphäre eines Gottesdienstes ... dürfen Sie doch auch einmal etwas von der Weihe Ihres Berufes spüren.
Gott ist der erste Gärtner
Wissen Sie, dass der unendliche, ewige Gott der erste ist, der zu Ihrer Innung gehört? Im zweiten Schöpfungsbericht der Genesis heißt es: „Gott pflanzte einen Garten in Eden, im Osten, und setzte da hinein den Menschen, den er geschaffen hatte.“ Das Wort „Eden“ heißt „Garten“. Im Persischen steht dafür das Wort „paradeisos“ unser „Paradies“. Was bedeutet diese Stelle? Sie ist natürlich nicht einfach wörtlich zu verstehen, sondern in einer tiefen Symbolik. Der Garten ist in der Dichtung des ganzen Ostens und des Alten Orients das Symbol für Glück... Wenn Gott den Menschen in einen Garten versetzt, dann heißt das ... einfach: Gott will, dass der Mensch glücklich sei. Und damit ist sozusagen die entscheidende Aussage über die innerste Absicht des dreifaltigen Gottes gemacht. Damit ist aber auch angedeutet, dass Ihr Beruf, der des Gärtners, zutiefst mit dem Glücklichsein, dem Wohlbefinden und der Freude zu tun hat. Die meiste Freude, liebe Freun-de, verbreiten Sie mit Blumen ... Sie ist Ihrer Kunst und Ihrem Wissen und Ihrem Können anvertraut. Wenn Sie die ganze bunte Pracht an Ihrem geistigen Auge vorbeiziehen lassen, die Sie im Lauf Ihres Lebens gezogen und gezüchtet, geschnitten, arrangiert, gewunden und gebunden, in die Schaufenster gestellt, auf Festtagstische gelegt, in die Hände von Bräuten gegeben, in Krankenzimmer gestellt und auf Gräber gelegt haben, dann ist es doch berechtigt, einmal zu fragen: Was ist die Blume?
Die Blume ist dieSchönheit der Schöpfung
In der Blume sammelt sich die Schönheit der Schöpfung. Das hat niemand Geringerer gesagt als unser Herr Jesus selbst: „Betrachtet die Blumen des Feldes. Sie säen nicht und sie ernten nicht. Und doch war Salomo in seiner ganzen Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.“... Weil die Blume die Schönheit der Schöpfung ist, ist sie auf den Altären der ganzen Welt gegenwärtig, sozusagen als Repräsentantin der Natur, der Dankbarkeit und der Verehrung ...
Ursymbol fürHoffnung und Leben
Und weiters ist die Blume ein Ursymbol für Hoffnung und Leben. Im Hohen Lied der Liebe im Alten Testament heißt es: „Vorüber ist der Winter, schon zeigen sich die Blumen auf der Flur.“ Und wenn der Prophet Jesaia von der Erlösung spricht, redet er von der „blühenden Wüste“. Ja die Symbolik der Blume geht so weit, dass der Welterlöser selbst als Blume bezeichnet wird. Wir haben doch noch vor wenigen Tagen gesungen: „Es ist ein Ros’ entsprungen aus einer Wurzel zart.“ Diese Rose ist Christus. Gott ist nicht nur Gärtner, er ist auch Florist. Kein Gesteck und kein Bukett hat mehr Hoffnung in die Welt gebracht als diese Rose aus der zarten Wurzel.
Die Blume ist die Dolmetscherin der Liebe
Und zum Dritten ist die Blume die begabteste Dolmetscherin der Welt. Sie spricht in allen Sprachen und wird in allen Sprachen verstanden. Wenn ich eine Blume im Krankenzimmer zurücklasse, redet sie weiter, auch wenn ich wieder draußen bin. Die Blumen, die die Kinder bei einem Begräbnis in das Grab ihrer Lehrerin geworfen haben, haben mehr gesprochen als die Grabreden... Die schäbigs-te Hütte bekommt durch einen Geranienstock am Fenster ein einladendes Aussehen. So wird die Blume zum großen Symbol des Miteinander, zur uralten und ewig neuen Zeichensprache der Liebe.Es gibt also vieles, was wir zu dieser Feierstunde durch Kopf und Herz gehen lassen können. Ich habe es zu sagen versucht, ... weil ich Ihnen, liebe Gärtner und Gärtnerinnen, liebe Floristinnen und Floristen, eine Ahnung davon geben möchte, dass über Ihrem Beruf wirklich so etwas wie eine Weihe liegt ...