Serie: Die Kunst, das Leben einfach zu genießen (3)
Ausgabe: 2000/28, Essen, Brot
11.07.2000
- Martin Kranzl-Greinecker
Essen und Trinken, das ist viel mehr als die zum Überleben notwendige Zufuhr von Nahrung und Flüssigkeit. Wann ließ ich mir zuletzt etwas auf der Zunge zergehen?
Es verwundert nicht, wenn im Zeitalter der Fertiggerichte und der Kalorientabellen viele Menschen verlernt haben, ihre Mahlzeiten auszukosten und genüsslich zu sich zu nehmen. Dazu gehört übrigens viel mehr als Gourmet-Rezepte! Wie schön ist es, sich schon zum Kochen Zeit zu nehmen, an Urlaubstagen vielleicht sogar zu etwas (zeit)aufwendigeren Gerichten? Kreativität, Vorfreude und Spannung gehören ebenso zu den Ingredienzen einer Mahlzeit wie gute Zutaten, bei denen schon die Ver-arbeitung Freude macht. Bewusstes Essen beginnt bei der Auswahl gesunder, hochwertiger Produkte. Nicht von ungefähr heißt es, dass der Mensch ist, was er isst. Und dann, nach der Zubereitung, sich an einen schön gedeckten Tisch setzen, sich zurücklehnen, einen Bissen im Mund langsam genießen und dann einen Schluck auskosten (ob Wein oder Wasser ist nicht entscheidend) – so wird der Augenblick genüsslich und dankbar zugleich … In den letzten Jahrtausenden haben Menschen als einzige Lebewesen die Kultur der Essenszubereitung entwickelt. Die gerechte Verteilung des Essens freilich steht noch an. Denn während in den reichen Ländern das Zuviel an Nahrung zum Problem wird, bleibt in anderen Kontinenten der Tisch leer. Neben Sattheit und Genuss gilt es, das rechte Maß zu bewahren und das Gespür für den Hunger anderer Menschen nicht zu verlernen. Ganz abgesehen vom „inneren Hunger“, der gestillt werden will. „Kein Mensch lebt vom Brot allein“, so formuliert es die Bibel (Dtn 8, 3; Mt 4, 4). Wobei sich obendrein die Frage stellt, wem der Geschmack von Brot heutzutage noch etwas sagt. Essen und Trinken halten nicht nur Leib und Seele zusammen, so der Volksmund, sondern bringen auch Menschen zusammen. Unglücklich, wer sein Mahl allein essen muss. Tischgemeinschaft hat keine Kalorien und macht doch satt. – Vom hl. Thomas Morus ist die Bitte überliefert: „Schenke mir eine gute Verdauung, Herr. Und auch etwas zum Verdauen.“ Und ein Segensspruch aus Irland lautet: „Mögest du nie den Boden deines Topfes sehen.“