Missio-Tagung: Sr. L. Cherian über Toleranz und Miteinander in Indien
Ausgabe: 2000/29, Missio, Indien,
18.07.2000
- Hans Baumgartner
„Verschieden glauben – zusammen leben“ war das Thema der internationalen Missionsstudientagung in Salzburg. Sr. Lincy Cherian aus Indien gab dafür ein beeindruckendes Zeugnis.
In den vergangenen Jahren machte Indien immer wieder durch blutige Zusammenstöße verschiedener Religionsgemeinschaften Schlagzeilen. Da klingt es zumindest überraschend, wenn Schwester Lincy Cherian sagt, „uns ist die Toleranz und das friedliche Zusammenleben verschiedener Religionen und Kulturen geradezu angeboren“. Seit Jahrhunderten leben in Indien Menschen verschiedener Religionen als Nachbarn zusammen, feiern miteinander Familien- und Dorffeste. Die Kinder gehen gemeinsam zur Schule und wachsen miteinander auf ohne religiöse Schranken zwischen ihnen. Sie selber, so Sr. Lincy, erinnere sich an einen Hindu-Lehrer in der Volksschule, der ihr katholischen Katechismus unterrichtet hat. Die zunehmenden Übergriffe radikaler Hindus auf christliche Kirchen und andere religiöse und ethnische Minderheiten bezeichnet Sr. Cherian als bewusst angeheizten Kampf um Macht und Privilegien. Mit der für Indien völlig fremden Ideologie einer Einheitskultur und -religion hetzt die Hindutva-Bewegung die Menschen auf. In Wahrheit gehe es aber nicht um Religion, sondern darum, jene Bewegungen der Armen und Minderheiten, die sich mit wachsendem Zuspruch für soziale Gerechtigkeit und politische Selbstbestimmung einsetzen, zu zerstören. Ein Teil der Oberklasse versucht, unter dem Deckmantel der Religion das feudale Kastenwesen und ihren eigenen Reichtum aufrecht zu erhalten und soziale Reformen zu verhindern.
Keinen anderen Weg
„Es gibt aber keinen anderen Weg für Indien, als den – manchmal durchaus dornigen – Weg des Zusammenlebens“, betont Lincy Cherian. Der Glaube sei auf diesem Weg eine verbindende Stütze, weil wir uns über alle religiösen und sozialen Grenzen hinweg als Geschöpfe Gottes sehen. Dieses Zusammenleben – besonders mit den Armen – fördert aber auch die Religiosität, weil „wir immer tiefer erkennen, welche Kraft wir aus dem Glauben – unabhängig von Bekenntnis und Religion – für den Alltag schöpfen, für unseren Einsatz für die Menschenwürde, für Selbstbestimmung und soziale Gerechtigkeit“, unterstreicht Schwester Lincy. Ihre Ordensgemeinschaft sehe im gemeinsamen Leben mit den Armen die Übersetzung der Botschaft Jesu im Indien von heute: Geht zu den Menschen, teilt mit ihnen die Hoffnungen und Nöte. „Entscheidend ist für uns, durch das tägliche Miteinander-Leben die Beziehungen untereinander zu stärken. Daraus erwächst Kennenlernen und Respekt und eine Basis dafür, dass wir einander stärken, uns für die Rechte der Armen und An-den Rand-Gedrängten einzusetzen – jeder aus seinem Glauben.“
Wie streunende Hunde
An verschiedenen Beispielen machte Sr. Lincy deutlich, was das heißt. Am 23. März wurde in der Nähe ihres Dorfes ein 12-jähriges Hindumädchen vergewaltigt und ermordet. Es gehörte zu den „Dalit“, den versklavten und rechtlosen Ureinwohnern Südindiens. „Da sich niemand um den Fall kümmerte, griffen wir ihn auf, hielten Treffen ab, besprachen das Verbrechen mit Frauengruppen und Schulkindern. Dabei ging es auch wesentlich darum, die Würde jedes Menschen und den Wert jedes Lebens aus der Tradition der Hindus, der Muslime und der Christen deutlich zu machen. Wir kümmerten uns auch um die betroffene Familie. Und ich habe noch heute im Ohr, wie die Schwester des ermordeten Mädchens sagte: ,Wenn kümmert es schon, wenn ein Dalit-Mädchen vergewaltigt und ermordet wird. Wir sind nicht mehr wert als streunende Hunde.‘ Eine Frauengruppe ergriff die Initiative und rief zu einer Demonstration auf. Über 1000 Menschen nahmen daran teil. Daraufhin wurde auch die Polizei tätig und verhaftete den Täter.“ Ein „politischer“ Fall: „Anlässlich der Wahlen versammelte der Dorfobere alle Dalit und ließ sie schwören, einen bestimmten Kandidaten zu wählen. Die Leute wollten den aber nicht, weil er gegen ihre Interessen war. Dennoch schworen sie. In unseren Basisgruppen sprachen wir diese Sache an als besonderen Akt der Entrechtung und Unterdrückung. Wir sagten den Menschen, dass jede unserer Religionen lehrt, auf das Gewissen zu hören. Deshalb sei ein gegen das Gewissen erzwungener Eid ungültig. So konnten wir den Menschen zeigen, dass Unterdrückung nicht im Sinne ihrer Religion ist und sie ermutigen, ihrem Gewissen zu folgen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.“
30.000 Christen demonstrierten
30.000 Christen demonstrierten am 9. Juli gegen die Übergriffe fanatisierter Hindus auf religiöse Minderheiten. Erzbischof Joji forderte die Regierung auf, schärfer gegen jene Organisationen vorzugehen, die die Eintracht unter den Menschen zerstören. Inzwischen gab es in der vergangenen Woche drei weitere Bombenanschläge (heuer bereits 38) auf Kirchen rund um Bangalore. Außerdem wurde bekannt, dass in Mathura (Südindien) im Polizeigefängnis der Franziskanerbruder Vijay Ekka umgekommen ist, vermutlich durch Folter.