Serie: Die Kunst, das Leben einfach zu genießen (4)
Ausgabe: 2000/29, Schritt, Langsam
18.07.2000
- Martin Kranzl-Greinecker
Joggen und Walken sind „in“ wie nie. Wer sich fit halten will, läuft. Doch unabhängig vom Trend, kann das Gehen Seele und Geist fit halten.
Urlaub ist vielen Menschen gleichbedeutend mit Reisen. Und Reisen heißt zumeist, die technischen Fortbewegungsmittel Auto, Zug oder Flugzeug zu beanspruchen. Im Zeitalter nahezu unbegrenzter Mobilität (zumindest auf der nördlichen Erdhälfte) ist das schlichte Gehen eine Seltenheit geworden. Dabei ist die Verwendung der Beine jene Fortbewegung, bei der die Wahrnehmung am meisten mit der zurückgelegten Wegstrecke übereinstimmt.
Egal ob ich einen Spaziergang im Regen mache, mit einer Gruppe unterwegs bin oder einen Berg besteige: Ich setze einen Schritt vor den anderen, einem Ziel entgegen, spüre meinen Atem, höre auf die Geräusche um mich, bin mit meinen Augen nicht schneller als mit den Füßen und lege selbst das Tempo fest. Der französische Abenteurer, Dichter und Gottsucher Guy de Larigaudie (1908–1940) schrieb zum Gehen: „Auf einsamen Spaziergängen entdeckt man mehr Schönheiten, als sie alle geheimnisvollen Lagunen der Koralleninseln enthalten. Wie viel Nutzen zieht man aus einem ziellosen Spaziergang in der Einsamkeit auf dem Land? Ein singender Vogel, ein murmelnder Bach, eine Herde Gänse … Man hört die leisen Töne des Windes, des Wassers, der Pflanzen, der Tiere und Menschen. Es ist, als ob die Erde atme.“
Gehende Menschen sind bisweilen offener für religiöse Erfahrungen. Das steht hinter der alten Tradition von Ordensleuten, im Kreuzgang gehend zu beten. Auch die Bibel greift immer wieder das Motiv der Wanderschaft auf, nicht nur beim Auszug Israels aus Ägypten. Ein besonders schönes Bild des Miteinandergehens und sich Füreinanderöffnens ist die Geschichte der Emmausjünger, die nach dem Tod Jesu total niedergeschlagen unterwegs sind (Lk 24, 13–35). Beim Gehen stößt Jesus zu ihnen, im Gehen wird er ihnen vertraut.Wie mit den Emmausjüngern ist Gott auch mit mir unterwegs. Das gilt für den Lebensweg ebenso wie für jeden einzelnen Weg. Ein irischer Segensspruch dazu heißt: „Gott segne jeden Schritt, den ich mache, und segne den Grund unter meinen Füßen.“