Ein Regenschirm für Steyr und seine Bewohner/innen
Ausgabe: 2000/30, Würze, Regenschirm, Paraplü
25.07.2000
- Ernst Gansinger
Konflikten vorbeugen und, wenn es zu Spannungen kommt, Feuerlöscher sein. Das ist das Programm von Paraplü im Bereich Zusammenleben von In- und Ausländern.
„Ich möchte nicht sagen, dass wir alle Vorurteile abgebaut haben. Nein. Aber wir haben die Kommunikation gefunden.“ – Vera Lujic-Kresnik, Mitarbeiterin im Steyrer Integrationsprojekt Paraplü, fasst so die wichtigste Leis-tung dieser Caritas-Einrichtung zusammen: Wo Gespräch möglich ist, können Informationen durchkommen – Vorurteile können sich rückbilden.
50 Nationen
Konflikte gibt es gewiss auch in Steyr, der alten oberösterreichischen Eisenstadt, in der etwa 4.700 Ausländer aus ca. 50 Nationen leben. Das ist mehr als ein Zehntel der Bevölkerung. So beschweren sich beispielsweise Leute, weil in ihrer Straße Ausländer zu laut seien. Paraplü lädt zum Gespräch. Dabei stellt sich heraus, dass der Konflikt andere Wurzeln hat: Der Stadtteil bräuchte dringend mehr Infrastruktur, Spielmöglichkeiten für die Jugendlichen zum Beispiel oder eine Apotheke oder ...
Deutsch für Türkinnen
Der 28-jährige Recep Ötmen, in der Türkei geboren, lebt mit seiner Familie seit 23 Jahren in Österreich. Auch er arbeitet bei Paraplü mit – unter anderem als Dolmetscher. Ein Dolmetscher, der österreichische Mundart spricht und vielleicht deshalb ein ganz wichtiges Bindeglied zwischen den Volksgruppen ist. Ihm ist es wesentlich zu danken, so Vera Kresnik, die vor 8 Jahren aus Bosnien nach Österreich floh, dass die jüngsten Paraplü-Deutschkurs-Angebote für türkische Frauen ein so toller Erfolg wurden. Schon 1993/94, als der Bos-nienkrieg seine schlimmste Phase hatte, war es in Steyr möglich, dass Serben, Kroaten und muslimische Bosnier im gleichen Kurs Deutsch lernten und miteinander gut auskamen. Die türkischen Frauen, die vor kurzem ihren Deutschkurs abschlossen, wollen weiter lernen – ein Vorurteil muss revidiert werden, das da lautet: Türkinnen wollen sich nicht/dürfen sich nicht auf das gesellschaftliche Leben bei uns einlassen.
Kulturelle Begegnungen
Fraueninitiativen, Kultur-, Sport- und Sprachangebote, Beratungen und Informationsveranstaltungen an Schulen sind wichtige Tätigkeiten von Paraplü. Multi-Kulti-Feste, Ausstellungen, gemeinsame Bastel- und Koch-Treffs von in- und ausländischen Frauen sind fest gebaute Brücken des Miteinanders. Denn: „Vielfalt ist die Würze des Lebens“ heißt ein Slogan von Paraplü. Das Klima ist offener geworden – im kommunalen/politischen wie im privaten Bereich. So sind auch die Leute vom Paraplü-Team, das der Schwarzafrikaner Dr. Chibueze Udeani leitet, voll Zuversicht für ihre Arbeit – trotz Problemen. Das dringendste davon ist die Wohnungsfrage für die Ausländer. Ausländische Bürger erhalten schwerer eine Wohnung als inländische. Da wirkt sich auch eine Richtlinie aus, wonach in einem Stadtteil der Ausländer-Anteil zehn Prozent nicht übersteigen dürfe. So leben viele Ausländer in schlechteren und teureren Unterkünften, obwohl mehr als 170 Wohnungen in Steyr leer stehen.
ZUR SACHE
Begegnungen
„In einer Zeit, in der zwischen Zugewanderten und den Heimischgewordenen Ausgrenzung betrieben wird, sind solche Projekttätigkeiten, wie sie das Paraplü betreibt, von allergrößter Wichtigkeit.“ So schreibt Prof. Dr. Josef Gunz vom Institut für Soziologie der Universität Linz im Geleitwort zum Jahresbericht 1998/1999 des Integrationsprojektes Paraplü. Paraplü (franz: parapluie) ist ein alter Begriff für Regenschirm. Der Regenschirm drückt aus, worum es geht: Jene nicht im Regen stehen zu lassen, die es wegen ihrer Herkunft in Österreich oft schwer haben. Sehr viel Engagement legt Paraplü in kulturelle Veran-staltungen. Ausstellungen sind ein Mittel, ins Gespräch zu kommen. Ein großer Erfolg war zum Beispiel die unlängst zu Ende gegangene Ausstellung „Wir werden nicht als Rassisten geboren“, die gemeinsam mit dem Museum Arbeitswelt Steyr durchgeführt wurde. In einem Stadtteil, in dem es Probleme des Zusammenlebens gibt, wurde ein Integrationsbaum gepflanzt. Um ausländische Frauen im Frauenhaus, sie sind in sehr schwierigen Situationen, bemüht man sich sehr mit Beratung und Stützung.Vorurteilen setzt man Information und Fakten ent-gegen. Etwa dem Vorurteil, Ausländer müssten bei uns keine oder weniger Miete zahlen. Wahr ist aber: Sie zahlen nicht nur die volle Miete, sie erhalten auch keine Wohnbeihilfe.
LAND DER MENSCHEN
Damit aus einem Gegeneinander ein Miteinander wird. 1010 Wien, Tuchlauben 18/12, Tel. 01/5321888