„Radfahren, das ist eine Sportart, die ich mit meiner Sehschwäche auch noch betreiben kann“, sagt Gerlinde Knoth.
Radfahren kann vieles heißen: Radeln etwa klingt nach Gemütlichkeit. Oder strampeln, hört sich nach Anstrengung an. Es kann aber auch sporteln heißen – dem Körper Kalorien abverlangen. So oder so – Radfahren ist eine naturverbundene Tätigkeit.Wenn Sie lesen, dass blinde Menschen gemeinsam mit sehenden eine Tandem-Rad-Woche veranstalteten, welches Radfahrer-Bild schwebt Ihnen da vor: Das von Radlern, Stramplern oder Sportlern? – Wenn Sie nicht auf Sportler tippten, müssen Sie Ihr Bild zurecht rücken!
Sie radeln nicht, sie brausen
„Nach dem Besuch des Musikinstrumente-Museums in Haslach fahren wir um drei viertel zwölf weg.“ So lautete für die Donnerstag-Route die Auskunft von Gerlinde Knoth , die gemeinsam mit Franz Mittermair, beide aus Linz, diese Woche organisierten. Nur ein paar Minuten habe ich Verspätung und schon kommt mir die ganze Gruppe vor den Toren Haslachs entgegen. Zeit zu finden, das Auto zu parken und sich in Position zum Fotografieren zu bringen, ist nicht leicht; sie radeln nicht, sie brausen. Ein Einzelfahrer muss gut trainiert sein, hier mitzuhalten.Vom 17. bis 23. Juli trafen sich zehn blinde Radfahrer/innen und zwei mit Sehrest sowie deren „Tandem-Piloten“ zur zweiten Radwoche in Oberösterreich; die erste war vor vier Jahren. Die Blindenseelsorge der Diözese Linz (Pater Lutz) hatte dazu eingeladen. Manche nahmen eine weite Anreise auf sich, kamen aus Graz, Berlin, dem Schwabenland. Auf dem Programm standen Tagestouren. Immer gab es auch etwas zu besichtigen.
Herrliche Landschaft...
Besichtigen – ist das nicht der falsche Ausdruck für blinde Menschen? Nein. Holger Baasch, ein 72-jähriger Berliner, schwärmt von der herrlichen oberösterreichischen Landschaft. Wie kann er beurteilen, dass die Landschaft herrlich ist? – „Wir Blinde empfinden die Landschaft durchs Radfahren, das Bergauf und Bergab. Wir kriegen viel durch Ohren und Nase mit. Frisch geschlagenes Holz zum Beispiel – ein herrlicher Duft! ... Die Piloten schildern uns, was es auf der Strecke zu sehen gibt: ein Maisfeld, die Donau, einFichtenwald ...“
... und Kulturgenuss
Baasch hat sich mit der Gruppe auch Linz „angesehen“. Im Neuen Dom spielte gerade jemand die Orgel. „Wir Blinde hatten dadurch einen akustischen Eindruck von der Größe des Raumes. Der ist ja riesig!“ Ergriffen war er, als er in St. Florian an Bruckners Sarkophag stand und ihn berühren konnte.
Ein Zweiergespann
Wichtig ist das gleichzeitige Wegfahren. Johann Gallhammer, einer der Piloten dieser Woche, trainierte vorher, als er 1998 das erste Mal eine solche Aufgabe übernahm. „Manche stellen sich das viel zu schwierig vor. In einer Viertelstunde kommt man ins Tandemfahren hinein.“ Jedes Jahr werden Sehende als Piloten gesucht, etwa wie Georg Stadler aus Graz. Über die „Freiwilligen Sommereinsätze“ wurde er auf die gemeinsamen Wochen von Blinden und Sehenden aufmerksam. Schon seit ein paar Jahren ist er dabei, „weil es interessant und lustig ist“. Diese Gemeinschaft und die sportliche Herausforderung haben es auch der blinden 72-jährigen Dr. Ingrid Roßbacher aus Graz angetan. Schon an vierzehn Radwochen nahm sie teil. Einige davon waren im Ausland: Holland, Frankreich, Berlin ... Diesmal fuhr sie sogar am radfahrfreien Erholungstag mit einer Gruppe nach Wels und retour, über 110 Kilometer!