Disziplin und Geduld gehören zu seinen markantesten Eigenschaften. Um so überraschender, wie spontan sichKardinal Franz König noch im hohen Alter entscheidet, meint Christa Pongratz-Lippitt.
Nicht nur seit „zirka 1929“ liest Kardinal Franz König „The Tablet“, sondern er schreibt auch immer wieder für das in London erscheinende internationale, katholisch-ökumenische Wochenblatt. Als Korrespondentin der Zeitschrift in Wien hatte ich im Lauf der Jahre Gelegenheit, den Kardinal ein wenig näher kennen zu lernen. Franz König hat Englisch bereits als Freifach im Gymnasium in Melk gelernt. Und bereits in den frühen 30er Jahren besuchte er England, um seine Sprachkenntnisse zu perfektionieren. Heute spricht er nicht nur fließend Englisch, sondern kann auch ohne Mühe die schwierigsten theologischen und philosophischen Texte interpretieren.
Interessiert
Sein Interesse für Sprachen hat bis heute nicht nachgelassen. Wenn man im Gespräch oder beim Übersetzen seiner Artikel ein ihm unbekanntes Wort benützt, will er sofort wissen was es genau heißt. So schmunzelte er, als ich jemanden einen „cradle Catholic“ nannte. So nennen wir Engländer jemanden, der im katholischen Glauben aufgewachsen ist, im Unterschied zu jenem, der zum katholischen Glauben übergetreten ist. Seither fragt er oft, ob jemand ein „cradle Catholic“ ist oder nicht. Manchmal ist es allerdings nicht leicht, als Bindeglied zu fungieren zwischen dem Kardinal und dem Chefredakteur, der kein Wort Deutsch spricht. Besonders, wenn sich alles telefonisch abspielt, weil der Kardinal auf Reisen ist, der Chefredakteur in London sitzt und ich von Wien aus vermittle. Als wir eine besonders heikle Stelle in einem seiner Artikel spät abends „zu dritt“ bearbeiteten, sagte mein Chefredakteur am Telefon: „Couldn’t you get the cardinal to bite the bullet?“, was so viel heißt wie „kannst Du den Kardinal nicht dazu kriegen, den Stier bei den Hörnern zu packen“. Der Kardinal und ich sprechen zwar normalerweise nur Englisch, aber diesmal habe ich „bite the bullet“ ein wenig zögernd übersetzt. Gott sei Dank hat er viel Humor! König fand den Ausdruck köstlich, und kam meinem Chef entgegen.
Bei einem Essen in der österreichischen Botschaft in London im September 1999 erzählte König eine Anekdote über seinen ersten Aufenthalt in England. Damals schon, vor über 60 Jahren, war sein Interesse für die Ökumene groß. Also besuchte er einen anglikanischen Gottesdienst und war verblüfft, wie ähnlich dieser einer römisch-katholischen Messe war. Er ging in die Sakristei, stellte sich als katholischer Priester vor und fragte den Geistlichen, worin die Gottesdienste sich unterscheiden. Dieser dachte eine Weile nach und sagte: „Es gibt schon einen Unterschied. Wir haben nur eine Kollekte. Ihr aber habt zwei!“
Spontan
Disziplin und Geduld gehören sicher zu seinen markantesten Eigenschaften. Normalerweise strahlt er Ruhe aus. Umso überraschender, mit welcher Flexibilität und Spontaneität er sich auch heute noch im hohen Alter ganz plötzlich entscheidet, etwas Neues, ganz anderes als vorgesehen zu tun. Es war ebenfalls während des letzten Aufenthalts in London, als wir uns nach einem anstrengenden Fernsehinterview auf dem Weg quer durch die Stadt dem Hotel näherten. Der Kardinal saß still im Wagen. Ausgemacht war, dass er ein leichtes Mittagessen im Hotel einnehmen sollte, gefolgt von einer Siesta. Denn am Abend war noch seine Rede bei einer Feier des „Tablet“ geplant. Es war bereits zwölf Uhr mittags, da sagte er plötzlich: „Wir werden den Plan ein wenig ändern und doch zum Mittagessen ausgehen und einen Gast einladen. Nichts Besonderes, ein kleines Bistro,wo wir zu Fuß hingehen können. Aber bitte nicht zu voll und nicht zu laut.“
Unermüdlich
Da stand ich im Foyer seines Hotels und murmelte vor mich hin. „Kleines Bistro . . . um die Ecke . . . nicht laut . . . nicht voll . . . und das alles in ein paar Minuten . . . lieber Gott, hilf!“ Und Er half. Fünf Minuten entfernt gab es ein kleines, fast leeres italienisches Bistro. Ein wenig schmuddelig und dunkel allerdings, aber der Wirt strahlte, als wir eintraten. Der Kardinal, der zu Mittag immer bei gutem Appetit ist, unterhielt sich köstlich zwei Stunden. Von Siesta war keine Rede mehr. Es ist keine Kleinigkeit, eine Dreiviertelstunde stehend auf Englisch eine Ansprache zu halten und sich anschließend stehend mit allen zu unterhalten. Er ließ sich keine Müdigkeit anmerken, als wir nach Mitternacht wieder im Hotel ankamen. Ich allerdings war „erledigt“.
Übrigens, sein Vortrag – über die Zukunft des Christentums – war ein ganz großer Erfolg. Schon als wir im Sommer mit der Übersetzung begannen, sagte der Kardinal zu mir: „Die Menschen in Europa sind so negativ und es gibt doch so viel Positives. Wollen wir’s ihnen zeigen?“
Freudig
Wenn Kardinal König etwas besonders freut, sei es ein Artikel, ein interessantes Buch oder ein Ereignis, dann merkt man das sofort an seiner Stimme. Als Kardinal Basil Hume, der Erzbischof von London, kurz vor seinem Tod den „Order of Merit“, eine der höchsten Auszeichnungen Englands erhielt, rief mich König an. Er freute sich nicht nur für Hume, sondern auch über die große Ehre für die katholische Kirche Englands. Sofort wollte er Hume ein Telegramm schicken.
Als ich das endlos lange Schreiben mühsamst Buchstabe für Buchstabe diktiert hatte, sagte die Telefonistin: „Das wird dem Kardinal aber eine schöne Stange Geld kosten! Und außerdem ist Samstag. Das Telegramm wird erst am Montag ausgetragen.“ Die Kosten hätten König nicht so sehr gestört. „Das ist mir Hume doch wert!, sagte er, „aber erst Montag, das geht nicht.“ Also wurde beschlossen, den Text als Fax zu senden. Da fiel mir ein, dass er unterschreiben müsste. „Aber, aber“, kam die Antwort durchs Telefon, „Sie kennen doch meine Unterschrift. Unterschreiben Sie für mich, es ist doch nur ein Fax!“ Ich nahm das Papier, und versuchte „Franz Kardinal König“ flott darunter zu setzen. Das Resultat war miserabel. Schließlich pauste ich seinen Schriftzug sorgfältig durch. Und Kardinal Hume freute sich riesig.Aber auch der „einfache Christ“ Franz König hat viele Menschen außerhalb Österreichs tief beeindruckt. Sein Zugehen auf andere, sein Interesse für einzelne Schicksale und der daraus entstehende Dialog, dem oft ein jahrelanger Briefwechsel folgt, hat bei vielen Menschen Spuren hinterlassen. Ich bin nicht nur einmal im Ausland auf Menschen gestoßen, die mir erzählten, dass sie durch ihn Christen geworden sind oder zum katholischen Glauben gefunden haben. Sein Beispiel als gläubiger Christ hat sie überzeugt. Als sie oft nach Jahren dem Kardinal erzählen, dass sie gläubig geworden sind, bemerkte er nur leise: „Das habe ich mir fast gedacht.“
Fehlerlos?
Nachdem ich vor kurzem wieder einmal über den Jubilar geschrieben hatte, fand ich auf meinem Telefonanrufbeantworter folgende Nachricht: „Aber Sie erwähnen meine zahlreichen Fehler gar nicht. Was wird wohl der Herrgott darüber zu mir sagen?“ Nun habe ich ernsthaft darüber nachgedacht und auch nachgelesen, was seine Kritiker über ihn sagen. König ist weder ein „roter Kardinal“, noch ein Freimaurer, noch vertritt er die „linke Kirche“, wie ein österreichischer Politiker einmal sagte. Er versucht das Christentum zu leben als Mensch, als Priester und Kardinal. Und obwohl er sicher Fehler hat, habe ich keine gravierenden bemerkt und überlasse das anderen.
Interview:
Überzeugung wecken
„Ich bin zu sehr ein gläubiger Christ, als dass ich Angst um die Zukunft der Kirche hätte“, sagt Kardinal Franz König in einem Interview aus Anlass seines 95. Geburtstags. In der gegenwärtigen politischen Konstellation wünscht sich König, dass die Kirche die christliche Soziallehre verstärkt ins Gespräch bringt: „Die Kirche soll nicht als Lehrmeisterin auftreten“, sie solle aber die Überzeugung wecken, dass die Menschenrechte und der Friede das Verbindende in der Gesellschaft sind.Die Rolle der Kirche als „Gewissen der Gesellschaft“ ist nach Ansicht des Alterzbischofs heute „sicher geringer geworden“. König: „Die Religion spielt heute eine geringere Rolle. Religiöse Bindungen der Menschen nehmen ab, anderseits sprechen viele von einer religiösen Renaissance. Die Sinnfrage taucht bei vielen wieder auf.“Als „tragische Geschichte“ bezeichnete König im Interview manche Entwicklungen der kirchlichen Sexualmoral. Mit der Enzyklika „Humanae Vitae“, die 1968 das Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung festschreibt, sei eine Krise der Glaubwürdigkeit der Kirche eingetreten. Die Entwicklung in Europa beobachtet der Kardinal mit Sorge: „Das westliche Europa ist müde geworden.“ Es habe sich eine gewisse Resignation breit gemacht, die Vitalität drohe verloren zu gehen. „Der Euro spielt eine größere Rolle als die christlichen Wurzeln Europas“, bedauert König.Es sei die Aufgabe der Religionen, „dem Frieden zu dienen“, betont der Kardinal. Dies sei jedoch nicht nur ein „Informationsprozess, sondern vor allem ein Erziehungsprozess“. Als positives Beispiel bezeichnete er die katholischen „Europa-Schulen“ in Bosnien.