Die ökumenische Reise der Kirchenzeitung führte heuer nach Nordirland
Ausgabe: 2000/31, Irland, Ökumenische Reise,
01.08.2000
- Matthäus Fellinger
Schon lange war in Irland die Chance auf Frieden nicht so groß wie heute. Die Teilnehmer/innen an der ökumenischen Reise 2000 erlebten Irland zwischen Tradition und Aufbruch.
Die Überwachungskameras in der nordirischen Stadt Derry sind noch immer hinübergerichtet auf den von katholischen Iren bewohnten Stadtteil am gegenüberliegenden Hang, der sogenannten „Bogside“. Hier wurden am „Blutigen Sonntag“, dem 22. Jänner 1972, 14 Menschen während eines Protestmarsches von Polizisten erschossen. Strenge Bewachung ist hier noch immer gegeben. Doch die den Hass schüren, finden nicht mehr jenen Rückhalt in der Bevölkerung, den sie früher hatten. In einer politisch hoch sensiblen Woche führte die diesjährige ökumenische Reise vom 21. bis 28. Juli nach Irland und Nordirland. Gerade in diesen Tagen haben sich die Gefängnistore für zahlreiche Gefangene, darunter Terroristen, die Menschen ermordet haben, geöffnet. Es ist der Preis für den Frieden, das Zugeständnis, das die Regierung den Konfliktparteien machen musste.In den letzten Jahren waren in Irland nicht nur jene aktiv, die den Konflikt geschürt haben. Gerade neben der Mauer in Derry, die die Stadtteile trennt, befindet sich das „Verbal Arts Center“. Hier erzählt man die irischen Märchen aus den katholischen Landesteilen ebenso wie aus dem protestantischen Irland. Endlich aufeinander zu hören ist das Ziel des Hauses. Im Zentrum der Stadt liegt das „Bloody Sunday Center“. Eine internationale Menschenrechtsbewegung ist daraus geworden. Das Zentrum kümmert sich vor allem um die Rechte der Opfer der Gewalt.
Begegnungszentren fördern Klima des Friedens
Direkt an der Grenze zwischen Nordirland und Irland selbst liegt idyllisch an einem Meeresarm das „Christliche Erneuerungszentrum“ von Rostrevor. Hier verpflichten sich Menschen für wenigstens ein Jahr zu einem Leben in einer Gemeinschaft, um für den Frieden zu beten und zu arbeiten. Das Programm des Hauses soll Begegnung fördern. Aus der Politik selbst hält sich das Haus heraus. Eben deshalb wurde es auch für Friedensgespräche genutzt. Solche religiös orientierten Zentren gibt es mehrere im Land. Die 22 Reiseteilnehmer/innen konnten sich überzeugen, dass es sich beim Irland-Konflikt nicht um einen Religionskonflikt handelt. Vielmehr geht es um die Spannung zwischen den Iren selbst und der englischen Herrschaft über das Land. Die einen sind eben vorwiegend katholisch, die anderen protestantisch. Noch vor 30 Jahren gab es 30 Prozent Arbeitslosigkeit. Die Armut zwang viele Iren zur Auswanderung. Heute leben 22 Millionen Irischstämmige in Amerika, während Irland selbst nur 3.6 Millionen Bewohner aufweist.
Vom Armenhaus zum Wirtschafts-Wunderland
Auch die wirtschaftliche Situation des Landes lässt hoffen. Innerhalb von zehn Jahren hat das Land den Aufstieg von der Entwicklungsregion Westeuropas zu einem Land mit Vollbeschäftigung gewagt. Vor allem die Computerbranche hat den Boom verursacht. „Erziehung war schon immer der Weg in die Freiheit für die Iren“, erzählt die Reiseleiterin Marie Hesper. Wenigstens eine gute Ausbildung wollte man jenen mitgeben, die die Heimat Richtung Neue Welt verlassen mussten. Jetzt kommen die Firmen, um das hohe Ausbildungsniveau zu nutzen. Hesper ist allerdings auch besorgt über das einseitige Setzen auf die neuen Computertechnologien. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts hat Irland schwer büßen müssen, dass bei der Ernährung fast ausschließlich auf ein Produkt gesetzt wurde – die Kartoffel. Da kam die Krautfäule und drei Jahre gab es nichts zu ernten. Die größte Hungersnot der jüngeren europäischen Geschichte hat damals fast die halbe Bevölkerung hinweggerafft. In Irland lagen die Wurzeln der Mission für Europa im Mittelalter. Heute steht das Land religiös an einer Wende. Katholik oder Protestant vor allem aus politischer Motivation zu sein genügt nicht mehr. Die Spannkraft des Glaubens in positiver Weise zu wecken – vor dieser Aufgabe stehen die Kirchen Irlands.