Brasiliens Basisgemeinden träumen von einem Leben in Fülle
Ausgabe: 2000/32, Brasilien
08.08.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Matthias Scharer
Mehr als 3000 Delegierte aus den Basisgemeinden Brasiliens haben sich vom 11. bis 15. Juli in Ilhéus versammelt. Unter den Teilnehmern waren auch drei Innsbrucker Theologen.
Christen können träumen, und ihr Traum ist kein Luftschloss. Davon waren die mehr als 3000 Delegierten überzeugt, die sich zum 10. Treffen der brasilianischen Basisgemeinden in Ilhéus versammelten. Und ihnen war klar: Die neoliberale Gesellschaft nimmt den Armen und Ausgeschlossenen das Recht zum Träumen. Es waren Frauen und Männer, meist LeiterInnen von Basisgemeinden, Priester, Ordensleute und Bischöfe, die nach Ilhéus kamen. In oft tagelangen Autobusfahrten reisten sie in die Hafenstadt im Nordosten, um miteinander zu beten, zu feiern und sich über den weiteren Weg der Basisgemeinden zu vergewissern. Eine starke Stimme wurde den Delegierten indianischer Völker gegeben wie auch den Vertretern afrobrasilianischer Kulturen. Höhepunkte waren die ökumenische Feier mit der Aufführung der Messe „Land ohne Übel“ (nach einem indianischen Mythos) sowie der Abschlussgottesdienst mit 63 anwesenden Bischöfen.
Gegenbewegung
„Gedächtnis und Traum“ war das Thema. Nach 2000 Jahren Christentumsgeschichte, 500 Jahren Kolonialgeschichte und 25 Jahren Geschichte der Basisgemeinden wollte man sich an den langen Weg von den frühen christlichen Gemeinden bis zu den Basisgemeinden von heute erinnern. Als Gegenbewegung zu einer, wie der Befreiungstheologe Frei Betto berichtete, elitär und stark politisierten Katholischen Aktion wurden die Basisgemeinden als an die Ortskirchen gebundene, ausdrücklich kirchliche Gemeinschaften gegründet. Reflexions- und Bibelgruppen, Wallfahrten, Gebetsgruppen u. Ä. gelten als religiöser Mutterboden für die Basisgemeinden. Und es waren soziale Strömungen, also das Engagement in den Kämpfen des Volkes, die ihnen Pate standen. Vor allem die Option für die Armen haben die Basisgemeinden zu ihrem Programm gemacht. Aber auch ein neues Bewusstsein im Hinblick auf die vielfältigen kulturellen und religiösen Wurzeln des Volkes haben sie entwickelt. Eine teilhabende Kirche, die aus einem volksnahen Bibelbezug lebt, indem diese erzählt, gesungen, dargestellt und gefeiert wird, ermutigt zum Träumen und zum Blick auf die neuen Herausforderungen der Zukunft. Die neoliberale Gesellschaft nimmt den Armen und Ausgeschlossenen das Recht zum Träumen. ChristInnen können träumen, weil sie sich vom einen und dreieinen Gott des Lebens beschenkt und gehalten wissen. Ihr Traum ist kein Luftschloss: Der große Traum richtet sich auf die Gleichheit aller Menschen in einem Leben in Fülle, in Gerechtigkeit und Frieden ohne Diskriminierung nach Klasse und Geschlecht oder Ethnie. Dabei trifft es die kirchlichen Basisgemeinden tief, dass sie fast immer auf den Tisch der Eucharistie verzichten müssen. Darum bitten sie, dass die Kirche dringend die Frage des Amtes überdenkt.
Bischöfe bestärken
Nach dem Prinzip von „Sehen – Urteilen – Handeln“, das in den neuen Pastoralplänen um „Feiern und Revision“ erweitert wird, formulieren die Delegierten eine Reihe von Selbstverpflichtungen: von der „Stärkung der Mystik“ bis hin zur „Unterstützung des Weltmarsches der Frauen gegen Gewalt und Armut“. Die 63 anwesenden Bischöfe stellten sich in ihrer gemeinsamen Erklärung eindeutig hinter die Basisgemeinden: „Als Hirten glauben wir an die Basisgemeinden. Wir möchten sie in ihrem Weg bestärken und ihre Bedeutung für unsere Ortskirchen neu bestätigen. In ihnen haben wir die Spuren und die Ekklesiologie der ersten christlichen Gemeinden wieder gefunden, wie sie in der Apostelgeschichte beschrieben werden. In ihnen finden wir auch eine Antwort auf die Wegweisungen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Wir ermahnen die Basisgemeinden, in ihrer Lebensgemeinschaft zu verharren, in einer betenden und volksnahen Lektüre der Bibel, in ihrer Liebe zur Eucharistie und in ihrem sozialpolitischen Engagement.“
In die Hölle von São Paulo
Es ist eine Freude, katholisch zu sein. Angesichts kirchlicher Enttäuschungen in Europa kommt dieser Satz TheologInnen hierzulande nicht leicht über die Lippen. Doch Konflikte und Auseinandersetzungen bleiben auch der Kirche in Lateinamerika nicht erspart. Ja, in manchen Bereichen sind sie härter als bei uns. Trotz alledem bin ich in Brasilien einer universalen Kirche begegnet, von der zu erzählen es sich lohnt. Der Macht der neoliberalen Globalisierung stellen kirchliche Basisgemeinden und viele andere kirchliche Initiativen ein Engagement gegenüber, das der weltweiten seelischen und körperlichen Ausbeutung von Menschen widerstehen will. Dabei kommt die kulturelle Eigenwelt der Indios oder Afrobrasilianer bis in den Gottesdienst hinein zum Ausdruck. Gott wird selbst in die Hölle von São Paulo gegenwärtig, wenn der steirische Priester Günther Zgubic in dem mit 7000 Häftlingen größten Gefängnis mit Gefangenen betet, Trost spendet und in Zusammenarbeit mit amnesty international die ständigen Menschenrechtsverletzungen aufdeckt. In versöhnter Nachbarschaft mit dem afrobrasilianischen Umbanda-Kult, mit anderen christlichen Kirchen und Pfingstbewegungen sammelt er eine Gemeinde von Gefangenen, in der keiner nach seiner Vergangenheit gefragt wird. So wie er für die Gefangenen kämpft, treten auch die österreichischen Bischöfe Erwin Kräutler und Richard Weberberger oder der Afrobrasilianer Don Gilio für die kulturelle Identität der Indios und Afrobrasilianer ein.
Dr. Matthias Scharer ist Professor für Katechetik und Religions-pädagogik an der theologischen Fakultät der Universität Innsbruck.