Eine Reise nach Israel ist für die meisten Christinnen und Christen ein Höhepunkt imLeben. Auch für Altbischof Reinhold Stecher. Als bereits 78-jähriger besuchte er im März 1999 erstmals das Heilige Land. Im Folgenden Aus-züge aus seinem Reisebericht.
Ein schuldbeladenes Jahrtausend sinkt mit
Und im Sinkflug nach Tel Aviv sinkt auch ein dunkles, belastetes, schuldbeladenes Jahrtausend, was das Verhältnis von Christen und Juden betrifft; ein Jahrtausend, das von irriger Schriftauslegung, unzulässiger Verallgemeinerung, falschen Vorurteilen, magischem Sündenbock-Denken und bestürzenden Brutalitäten gekennzeichnet war, die das Inferno des 20. Jahrhunderts mit vorbereiteten. Ich sinke gern mit diesem Jahrtausend auf den Flugplatz von Tel Aviv zu – und ich möchte es weit, weit zurücklassen. Die Schubumkehr des Jets bei der Landung hat etwas Symbolisches. Sie erinnert mich an die Schubumkehr im Verhältnis der Kirche zu den Juden, damals, als Johannes XXIII. im Cockpit saß. Es geht mit dem Taxi rasch durch die Ebene, hinauf in die Berge von Judäa, vorbei an den Wegen, die ein David, ein Petrus, ein gefangener Paulus gewandert sind. Es gibt kein Land der Welt, in dem die Steine so gesprächig sind.Im Sheraton-Hotel in Jerusalem erwartet mich ein unvergesslicher Blick. Ich wohne im 20. Stockwerk. Vom Balkon aus liegt mir das ganze alte Jerusalem zu Füßen, mit den vielen Türmen und dem Felsendom, dem Ölberg und dem Berg des Ärgernisses im Süden. Und der Blick schweift weiter hinunter bis zu den Höhen von Bethlehem. Es ist eine heilige Welt. Tausendmal bin ich in Religionsstunden und Predigten über diese Täler und Höhen gewandert, habe sie auf die Tafel gezeichnet und in Büchern und Fotos studiert. Und jetzt, mit 78 Jahren, darf ich das sehen. Und ich darf es betrachten im Bewusstsein, dass zwar eine heilige, aber auch eine komplizierte und spannungsgeladene Welt vor mir liegt. Aber mit meiner Reise liegt ein Hauch von Versöhnung über allem. Und ich bin mir sicher, dass dieser Hauch der Versöhnung im Sinne dessen ist, der da drüben auf Golgotha gestorben ist.Und so kommt es zur Begegnung mit Menschen, die immer noch ein Stück Österreich mit sich herumtragen, trotz aller Wunden der Vergangenheit, und die trotz dieser Schatten von der Musik Mozarts und Schuberts schwärmen, von der Landschaft und vom Apfelstrudel. Es ist bei aller Herzlichkeit dieser Treffen immer auch ein Stück Wehmut dabei und Beschämung. Der Oberrabbiner von Israel, Lau, erzählt mir, dass von 47 Verwandten in Polen und Galizien ganze fünf überlebt hätten. Er erzählt es nur leise und nebenbei, aber mir dämmert immer wieder, wieviel guter Wille zum Neuanfang da sein muss …
Wie die Spiele dergöttlichen Liebe
Die Reise hinunter durch die Wüste nach Jericho und durchs immer grüner werdende Jordantal hinauf ist eine Fahrt durch eineinhalb Jahrtausende biblischer Erinnerungen, die schließlich an einem wunderbaren Abend am See Genesareth im leisen Spiel der Wellen am Strand des Hotels einen friedvoll-besinnlichen Abschluss finden, gerade so, als wäre dieses Spiel der Wellen im Dunkel der Nacht so ewig und unermüdlich wie die Spiele der göttlichen Liebe, die dieser See einst gesehen hat. Der nächste Tag gilt den grünen Bergen Galiläas, dem der Seligkeiten und dem Tabor.Bei der Heiligen Messe in der Höhle des Hieronymus in Bethlehem, in der einst die berühmteste lateinische Übersetzung der Schrift entstand, und in der Ze-lebration auf dem Grab Jesu findet die Reise ihre leisen Höhepunkte …