Serie: Die Kunst, das Leben einfach zu genießen (7)
Ausgabe: 2000/32, Lesen
08.08.2000
- Martin Kranzl-Greinecker
Nie zuvor wurde soviel Papier bedruckt wie in der Gegenwart. Doch was sagt das schon über die Kultur des Lesens und der Lesenden aus.
„Ferien, das heißt für mich, bis halb fünf Uhr früh in einem Buch lesen zu können“, berichtete kürzlich eine Freundin, deren Leidenschaften Bücher sind. Andere Zeitgenossen schätzen es, im Urlaub viel Zeit für Zeitungen und Zeitschriften zu haben. Natürlich kann es nicht um die Menge des gelesenen Stoffes gehen, als vielmehr um die Qualität der Lektüre und um die Offenheit des Geistes. Menschen sind mit der großartigen Gabe ausgestattet, durch Schrift und Sprache Gedanken und Erfahrungen auszutauschen. „Ein Buch lesen“, schrieb Hermann Hesse, „heißt eines fremden Menschen Wesen und Denkart kennen zu lernen, ihn verstehen zu lernen, ihn zum Freund zu gewinnen.“ Geist und Phantasie leben nicht von der allgegenwärtigen Reizüberflutung, sondern von Bildern, die uns auch in gedruckten Texten, Filmen oder Fernsehbeiträgen begegnen. Wann haben Sie sich eigentlich das letzte Mal Zeit genommen für ein Buch oder für einen Abend im Kino? Gerade in unserem Zeitalter der „Elektronischen Revolution“, in dem sich zu den Medien Radio, Video und Fernsehen das Computer-Weltnetz Internet gesellt, darf das Lesen nicht unter die Räder kommen. Umso mehr, als das Christentum (wie auch die beiden anderen „Buch-Religionen“ Judentum und Islam) mit heiligen Büchern auf das Engste verbunden ist. Besonders im Judentum wird auf das Lesen wert gelegt, nicht selten beherrschen schon Dreijährige es. Die Lektüre der Bibel ist glaubenden Menschen nicht fremd und wird Wirkung zeigen. Nochmals Hesse: „Manche Bauersfrau, die nur die Bibel besitzt, hat aus ihr mehr herausgelesen und mehr Wissen, Trost und Freude geschöpft, als irgendein Reicher je aus seiner kostbaren Bibliothek holen kann.“ Vom hl. Bendedict Labre, einem „Sandler unter den Heiligen“, wird berichtet, dass man bei seinem Tod 1783 nichts anderes bei ihm fand als ein zerlesenes Bibelexemplar. Das Lesen war offenbar sein Leben gewesen. Für jedes gedruckte ebenso wie für jedes gesprochene Wort soll ein irischer Wunsch gelten: „Mögen wir in das Gesicht jeder guten Nachricht und auf den Rücken jeder schlechten Nachricht blicken.“