Wenn die „Tötung ungeborenen Lebens“ als „postkonzeptive Populationsreduktion“ bezeichnet wird, so wird das „Euphemismus“ genannt: die mildernde oder beschönigende Umschreibung für ein anstößiges oder unangenehmes Wort. Auch die vielbeschworene „Treffsicherheit“ hat euphemistische Züge. Von seiner Wortwurzel her gilt zwar die „Sicherheit beim Treffen“ nicht unbedingt als Fremdwort, fremd hingegen erscheint die Kombination mit „sozial“, da es viel mehr auf eine Jagd- oder Militärsprache schließen lässt. Beschönigend ist die „Treffsicherheit“ dann, wenn mit der aktuellen Diskussion das Kürzen von Sozialleistungen auf Kosten der Armen umschrieben wird. Orientierung rund um die sich täglich überstürzenden Budgetsanierungsvorschläge hat nun die österreichische „Armutskonferenz“ geboten. Sie kritisiert, dass die Bundesregierung bei ihrem Vorhaben die wohlhabenden Bevölkerungsschichten zu wenig in die Pflicht nimmt. Denn auffallend schweigsam zeigen sich die Politiker darüber, wie hierzulande Vermögen und Gewinn besteuert werden. Dabei liegt die Treffischerheit der heimischen Finanz weit außerhalb des sonst üblichen schwarzen Kreises. Was die Abgaben auf das Vermögen angeht, so treffen alle 27 anderen reichen OECD-Länder sicherer ins Schwarze. Und bei den Steuern auf Gewinne gibt es nur einen der EU-15, der noch blinder zielt. Warum wird im achtreichsten Land der Welt nicht über die Treffsicherheit bei der Besteuerung von Vermögen und Gewinnen wochenlang diskutiert? In Verbindung mit „sozial“ wird „Treffsicherheit“ aller Wahrscheinlichkeit nach zum Wort des Jahres 2000 gewählt werden. Offen bleibt, ob es nicht zum Unwort des Jahres wird.