Aus der Hungerhilfe wurden in Tirol Partnerschaften mit Burkina Faso
Ausgabe: 2000/33, Burkina Faso
16.08.2000
- Gilbert Rosenkranz
Solidarität mit Frauen, die auf der Flucht vor einer Zwangsheirat sind, oder eine Pfarrpartnerschaft: durch viele Kontakte ist Burkina Faso in Tirol dauernd im Gespräch.
Solidarität mit Frauen im westafrikanischen Burkina Faso kommt aus der Diözese Innsbruck. Initiativen der Katholischen Jugend, in Pfarren und auf privater Ebene unterstützen maßgeblich den Betrieb kirchlicher Einrichtungen, die Frauen auf ihrer Flucht vor der Zwangsheirat helfen. Über die Situation dieser Frauen berichtete nun Jacques Fellmann, der seit 1962 im ehemaligen Obervolta als Priester tätig ist. Gemäß alter Traditionen werden Frauen oft schon als Kinder heranwachsenden Männern versprochen. Rückt die Hochzeit näher, machen sich dann oft die Mädchen auf die Flucht. Dabei betätigen sich auch Ordensfrauen bei der meist nächtlichen Flucht durch den Busch als Helferinnen.
Asyl für „Hexen“
Eine Rückkehr hat meist schwerwiegende Folgen. Selbst noch Jahre später werden Frauen, die ihren versprochenen Mann abgelehnt haben, von der eigenen Familie abgelehnt. Asyl gewähren Häuser der Kirche aber auch den so genannten „Hexen“. Immer noch kommt es vor, dass etwa bei auffällig hoher Kindersterblichkeit Frauen der Verzauberung angeklagt und aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen werden. Damit wird ihnen jede Unterstützung durch das Dorf entzogen.Seit Jahren für Burkina Faso aktiv ist Bernhard Kranebitter. Regelmäßig überweist er für die Frauenarbeit einen fixen Teil seines Einkommens an die „Selbstbesteuerungsgruppe“ der Katholischen Jugend. Diese konnte seit 1993 mit 150.000 Schilling Projekte im afrikanischen Land unterstützen. Kranebitter, er ist Pfarrer in Rum, bezeichnet Selbstbesteuerung als „eine Hilfe, um nicht im eigenen Saft zu braten“. Auch vor zwei Jahren war das so, als der Pfarrer mit Jugendlichen für einige Wochen Burkina Faso besuchte. „Zunächst war ich gegen solche Reisen. Die Kosten hätte ich lieber für ein Projekt gespendet. Bis mir ein afrikanischer Bischof sagte, dass Freundschaften das Wichtigste sei, und alles andere von allein komme.“ Eine Saat, die aufgeht: Beim Diaabend mit Jacques Fellmann in der Pfarre Rum wurden binnen zwei Stunden über 30.000 Schilling für dessen Projekte gesammelt. Einer, der sein Herz an Burkina Faso verloren hat, ist der Haller Richard Gratl. 1978 bereiste er erstmals mit dem damaligen Caritas-Direktor Sepp Fill das Land und wurde mit dem „Burkina-Bazillus“ infiziert. Ein Bazillus, der jeden befällt, der sich von den Menschen und der Schönheit der Landschaft hinreißen lässt. Anlass der ersten Reise: Die Hungerkata-strophe in der Sahelzone. Als Architekt sollte er erste Erhebungen über den Bau von Brunnen und Staudämmen durchführen.15 Mal war Gratl seither mit seiner Frau und dem aus Kärnten stammenden Künstler Peter Krawagna in diesem Land. Dabei entstanden hunderte Zeichnungen, Skizzen, Gemälde und Freundschaften – unter anderem mit Jacques Fellmann. Gratl plante eine Lernhalle für Schüler und ein Wohnheim, Krawagna organisierte Verkaufsausstellungen seiner Bilder. Seit 1978 kamen so rund 500.000 Schilling zusammen. Die kostenlosen technischen Hilfestellungen gar nicht eingerechnet.
Großer Einsatz
Über den Tellerrand hinausschauen möchte auch eine Privatinitiative in Ehrwald am Fuß der Zugspitze. Seit 1986 wurden über 200.000 Schillling gesammelt – unter anderem für eine Missionsstation, in der zwangsverheiratete Frauen Unterschlupf finden.Mit großem Einsatz am Werk sind auch Selbstbesteuerer in Imst. Die 35 Mitglieder haben in den vergangenen elf Jahren 320.000 Schilling nach Burkina Faso überwiesen. Nutznießerinnen sind etwa junge Ordensfrauen, denen mit Hilfe aus Imst eine gute Ausbildung ermöglicht wird.
Fast ein Wunder
Eine Partnerschaft wächst zwischen der Pfarre Korsimoogo in Burkina Faso und der Pfarre zur Heiligen Familie in Lienz. Nach dem Lokalaugenschein von Pfarrer Peter Ferner beteiligten sich die Osttiroler an der Finanzierung des Pfarrzentrums. In nur einem Jahr waren die benötigten 900.000 Schilling beisammen. Wichtig ist dem Seelsorger die Beteiligung der Menschen vor Ort: „Sie bringen den Sand, brennen die Ziegel und leisten die Maurerarbeiten.“ Ihn freut besonders, dass der Bau Gläubige verschiedener Religionen einander näher gebracht hat. So haben auch Moslems und Anhänger von Naturreligionen mitgeholfen. Nun ist ein Brunnen an der Reihe, und auch diesmal hofft Ferner auf Solidarität: 220.000 Schilling wären notwendig.Durch die Partnerschaft ist Afrika in Lienz dauernd im Gespräch. „Jeden Tag werde ich auf die Partnerpfarre angesprochen“, erzählt Pfarrer Ferner. Doch die Kommunikation zwischen Westafrika und Mitteleuropa ist nicht einfach. Denn die Partnerpfarre liegt entlegen und verfügt über keine technische Ausstattung. Mit ein Grund, weshalb der Seelsorger froh ist über die Abwicklung des Projektes durch die Caritas. Durch regelmäßige Besuche hält sie den Kontakt und stellt den Fortgang der Arbeiten sicher. Dass die Partnerschaft bis jetzt gänzlich ohne Spendensammlungen ausgekommen ist, grenzt für Pfarrer Ferner an ein Wunder. Einzig ein Plakat im Schaukasten der Pfarre, einige Vorträge und eine Selbstbesteuerungsgruppe haben die Finanzierung in so kurzer Zeit sichergestellt. Was er nicht gesagt hat: Auch ein begeisterter Pfarrer gehört in diesem Fall dazu.