Der Einsatz für den Frieden ist für Dr. Paul Oestreicher nur in einer radikalen Nachfolge Jesu möglich. Zu erzählen, was tapfere Menschen alles getan haben, ist ihm zu wenig.
„Dem Frieden zu dienen gelingt nur unvollkommen. Für ihn zu leben ist eine schwierige Herausforderung. Und je älter ich werde, um so deutlicher wird es mir“, gesteht Paul Oestreicher. Doch schon im Nachsatz beraubt der 71-Jährige seine Lebenserfahrung jeder Resignation. Er zitiert aus der Einladung zum Gedenken an den 57. Todestag von Franz Jägerstätter am 9. August: „Es sollen einmal andere besser und glücklicher leben dürfen, weil wir gestorben sind.“Wie der Einzelne seine Verantwortung – entgegen alle Autoritäten – trägt, darin ist Franz Jägerstätter dem Weg Jesu radikal nachgefolgt. Und deshalb, so der anglikanische Priester und Dekan von Coventry, sei für ihn auch das Leben des einfachen Bauern aus St. Radegund so bedeutend.Oestreicher, der jahrzehntelang das Versöhnungszentrum in der Kathedrale von Coventry (dazu rechte Spalte) leitete: „Erinnerung ist wichtig, aber sie ist auch unsere Gefahr. Denn Legenden davon zu erzählen, was tapfere Menschen getan haben, ist zu wenig.“ Dem entsprechend spannte er den Bogen vom „Gewissen gestern“ zum „Gewissen heute“. Die Herausforderung, für den Frieden zu leben, verdeutlichte er an Hand persönlicher Erfahrungen.
Damit Krieg so undenkbar wird wie Sklaverei
Den Schlüssel für das christliche Leben fand Paul Oestreicher bei Paulus: „Überwindet das Böse im Guten.“ Doch die Feindesliebe sei strukturell in den Kirchen nie ernst genommen und der Pazifismus fast immer abgelehnt worden. Ein Beweis dafür ist ihm das Koppelschloss seines Vaters. Unter „Gott mit uns“ ist dieser „guten Gewissens“ in den Ersten Weltkrieg gezogen. „Ein kollektiver Missbrauch des Glaubens“, urteilt der anglikanische Priester. „Doch wurde nicht auch Jesus guten Gewissens von den Mächtigen getötet? Auch sie haben geltendes Recht ausgeführt.“ Für ihn, der 1938 als Kind aus Deutschland nach Neuseeland floh, klingt damit die Vergebungsbitte Jesu am Kreuz neu: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. „Dieses Bitte schließt heute Faschisten ebenso mit ein wie jene, die mit blankem Hass auf Ausländer losgehen. Sie auszugrenzen wäre aber nicht der christliche Weg.“ Bereitschaft zum Dialog nennt der überzeugte Pazifist die zweite Grundhaltung. Denn als der römische Offizier bat, Jesus möge seine Tochter heilen, „hat er auch nicht verlangt: Zieh zuerst deine Uniform aus!“ Jene, die ihre Feinde lieben und zum Dialog bereit sind, hat Paul Oestreicher in seinem Leben zwar als machtlos, aber „kreativen kleinen Haufen“ erfahren. Und so appellierte er an die Teilnehmer in Ostermiething, auch für diese „Kulturwende in der Welt mit Phantasie mitzuwirken. Damit der Krieg so undenkbar wird wie heute die Sklaverei. Denn noch im 19. Jahrhundert haben viele Ökonomen gesagt: Ohne Sklaverei können wir nicht leben.“
Coventry
Im 2. Weltkrieg ist die englische Stadt zum Schlüsselbegriff geworden. Am 14. November 1940 werden beim schwersten Luftangriff auf eine britische Stadt 60.000 von 75.000 Häuser zerstört. In Deutschland werden diese Ereignisse nur „coventrieren“ genannt. Auch die Königliche Luftwaffe „coventriert“ – Höhepunkt am 13. und 14. Februar 1945 ist Dresden.Dabei hatte der Dompropst von Coventry beim Weihnachtsgottesdienst sechs Wochen nach der Bombennacht gesagt: „Nein zur Vergeltung und Ja zur Vergebung. Wir werden versuchen, mit unseren heutigen Feinden eine neue und bessere Welt aufzubauen.“ Der Gottesdienst aus der Bombenruine wurde im Radio direkt ins Königreich übertragen – auch die prophetische Botschaft. Der Gedanke der Vergebung wurde während der Kriegsjahre am Leben gehalten. Bereits 1947 kam es zur Städtepartnerschaft mit Kiel, kurz darauf folgte Dresden. Und Jugendliche der „Aktion Sühnezeichen“ aus Deutschland halfen mit, die Ruine zu einem Friedensmahnmal auszubauen. Die Gedenkstätte ist bis heute der Versöhnungsarbeit gewidmet.