Theresia von Lisieux lebte von 1873 bis 1897. Im Volksmund heißt sie „kleine heilige Theresia“. Sie ist eine aktuelle Heilige – mehr, als ihre oft kitschige Darstellung vermuten lässt. Darauf hat Bischof Reinhold Stecher 1993 in einer Predigt für Mitglieder des Theresienwerkes hingewiesen.
Im langen Text der Geschichte des Gottesreiches sind die Heiligen sozusagen die Akzente und Unterstreichungen. Aber welche Akzente bringt dieses Mädchen Thérèse Martin ein, das mit 15 Jahren ins Schweigen des Karmel eintaucht, mit 20 Novizenmeisterin wird und mit 24 stirbt? Kann man in einem so kurzen Leben, in dem man außerdem auf einen selten begangenen Seitenpfad abschwenkt, überhaupt Akzente einbringen? Ich denke an drei Akzente, die ich dankbar erwähnen möchte.
Heiligkeitsideal ohne Schnörkel der Frömmelei
Da gibt es zunächst einen sehr nüchtern-herben Akzent.(Thérèse) hat nämlich ein Heiligkeitsideal vertreten, das weitab von einer fast übermenschlichen, hochstilisierten Bravheit liegt, wie sie ihr manche glatte Bilder unterjubeln. Sie hat die menschliche Schwäche und Unzulänglichkeit ganz nüchtern gesehen. Sie hat vom Fahrstuhl der Gnade gesprochen, der sie allein emporhebt, vom Lift der Barmherzigkeit, der uns trotz unserer Schwäche und Sündhaftigkeit hinaufträgt. Und sie hat ein Heiligkeitsideal vertreten, das ohne Erscheinungen, ohne himmlische Phantastik, ohne Rasenkeuze und Drohbotschaften, ohne magische Untertöne und ohne Sensationen auskommt. Sie ist eine Mystikerin, die jahrelang bei Gebetsbemühungen recht wenig Trost verspürt hat.Deshalb setzt sie einen sehr gesund-herben Akzent gegen so manche merkwürdige Frömmigkeit, die derzeit in unserer Kirche wuchert. Ihre Spiritualität ist zutiefst gottzentriert, christuszentriert. Da gibt es keine kosmischen Schnörkel der Frömmelei.
Hin zu den Quellen des dreifaltigen Gottes
Weiters setzt sie einen tiefen Akzent, der mir ebenso aktuell erscheint. Um es mit ihren eigenen Worten zu sagen: „Ich will die Liebe ins Herz der Kirche tragen.“Unsere Kirche erfährt Turbulenzen. Es gibt Glaubwürdigkeits- und Kontaktverluste, Verdrossenheit und Spannungen. Solchen Situationen kommt man nicht einfach mit ein paar Appellen und Ermahnungen oder Aktionen bei. Die Zeit zwingt uns nach innen, ganz hinein in das Wesen der Botschaft, der Kirche, des Glaubens, ganz tief hinein in das Mysterium der Erlösung und der Barmherzigkeit, in dem die Bitterkeiten wegschmelzen. Hier unter uns, in der Krypta dieser Kirche (Anm.: Stecher predigte in der Innsbrucker Jesuitenkirche), liegt der große Karl Rahner begraben. Er hat gesagt: „Der Christ der Zukunft wird ein mystischer sein oder er wird keiner sein.“ Hier trifft sich der große Theologe mit der kleinen Schwes-ter aus dem Karmel von Lisieux. Wir brauchen in der Kirche die Wende nach innen, sonst halten wir nicht durch. Wir müssen hin zu den Quellen des dreifaltigen Gottes.
Kraftwerke des Gebetes tragen die Kirche
Und schließlich setzt sie noch einen dynamischen Akzent. Das ist verwunderlich bei einem Leben, das von der Kirche zur Zelle, von der ärmlichen Küche bis zum Klostergarten reicht. Was soll da schon Dynamik sein zwischen Glockenklang und Hostienbäckerei, dieser winzigen Welt?(Thérèse) hat sich betend und leidend in die vorderste Schlachtreihe des Gottesreiches gestellt. Sie hat alles, was sie hatte und tat, in den Dienst der missionarischen Dynamik des Reiches Gottes hineingeschenkt. Sie hat sich mitten in den Aufbrüchen der Kirche gewusst.Vielleicht klingt das ein biss-chen übertrieben. Aber ich muss sagen, dass ich das eigentlich bei meinem Karmel und den Schwes-tern der Anbetung (Anm.: zwei Klöster in Innsbruck) auch erlebe. Ich schreibe ihnen immer wieder meine Anliegen, die konkreten Sorgen der Diözese und der Pries-ter, der Gemeinden und der Weltkirche. Und ich spüre, wie mich und meine Herde diese Kraftwerke des Gebetes tragen. In ihren Chorgestühlen tönen nicht nur ein paar dünne Frauenstimmen, da summen auch die Turbinen und Generatoren Gottes mit, die die Kraft liefern für das, was heute in Kirche und Welt getan werden muss. Thérèse von Lisieux ist nicht unberechtigt Patronin der Missionen geworden …