Die Gesetze sind für die Menschen da und nicht die Menschen für die Gesetze. Beim „Forum Ostarrichi 2000“, der Sommerstudientagung des Katholischen Laienrates, geht es um Themen rund um „Gesetz und Gewissen“. Die Tagung findet von 24. bis 27. August 2000 in Neuhofen an der Ybbs statt. Die zentrale Frage dabei ist: Was ist die letztgültige Richtschnur christlichen Handelns? Sind es die kirchlichen und gesellschaftlichen Gesetze oder doch das Gewissen? Nach einführenden Referaten werden in Arbeitsgruppen Themen wie „Zwang und Freiheit“, „Gehorsam und Widerstandspflicht“, „Wie bilde ich mein Gewissen?“, „Anwendung beim Thema wiederverheiratete Geschiedene“, „Anwendung beim Thema Kunst als Rechtfertigungsgrund“ oder „Umgang mit der Buße“ behandelt.Eingeladen sind Bischöfe, Priester und Laien und Menschen anderer Konfessionen, Österreicher/innen und Gäste aus den Nachbarländern.
„Gesetz und Gewissen“ ist das Thema des „Forum Ostarrichi“, der Sommerstudientagung des Katholischen Laienrates. Vorstandsmitglied Dolores Bauer schreibt dazu.
Menschen können ohne bindende Gesetze nicht zusammenleben. Das ist ein Satz, dem wohl niemand widersprechen wird. Alle Völker und Kulturen haben sich Gesetze gegeben und meist haben sie diese auch mit Gott in Verbindung gebracht. Nicht anders war es bei den Hebräern. Auch sie hatten schon von Abraham her Gesetze und Vorschriften. Dann schloß „JHWH“ (Jahwe) am Sinai mit seinem Volk einen neuen Bund, einen sehr klaren, sehr einfachen Bund in zehn Sätzen.Diese zehn Sätze begannen bald zu wachsen und auch zu wuchern und hatten sich bis zur Zeit Jesu zu einem Knäuel verdichtet, der nur noch von den Eingeweihten – und von denen meist nur zum Schein – zu entwirren war. Das in seiner Mehrheit ungebildete Volk hat viele dieser Gesetze nicht mehr gekannt und verstanden – z. B. die Fülle an Reinheitsgeboten. In den Augen der Hohenpriester war deshalb das Volk sündig. Dagegen ist Jesus aufgestanden, nicht gegen den Kern des alten Gesetzes. Er warf den religiösen Führern vor, dem armen, einfachen Volk schwere Lasten aufzulegen und ihnen die Gesetze wie Mühlsteine umzuhängen. Jesus stand zum Gesetz, keine Frage (ich bin nicht gekommen aufzuheben, sondern zu erfüllen). Aber er sagte auch: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht größer ist als die der Schriftgelehrten, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Diese Gerechtigkeit, von der er hier sprach, war eben mehr als nur Gesetzestreue. Sie zielte auf seine Botschaft vom Reich Gottes ab, das auf den Pfeilern der Gottesliebe und Nächstenliebe gründet. – Und dann hat er die Armen selig gepriesen, die Gewaltlosen, die um seinetwillen Verfolgten, die nach Gerechtigkeit dürsten und den Frieden tun. Und wenn man sich mit der Bergpredigt, diesem Kernstück jesuanischer Ethik weiter auseinandersetzt, erkennt man schnell, dass es hier wohl auch um Gesetze und Normen geht, darüber hinaus aber auch um Entscheidungen und Handlungen eines mündigen Gewissens, das in konkreten Situationen das Gesetz übersteigt. Er selber macht es an einem Beispiel klar: „Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat.“
Am Buchstaben kleben
Jesus ist gestorben, weil er sich den Gesetzeshütern, die das Volk niederdrückten, entgegenstellte. Wie würde es ihm heute ergehen – mit solcher Handlungsweise und solcher Sprache? – Nun, das Kreuz würde ihm nicht blühen, aber ein Lehrverbot oder Schweigegebot könnte er sich schon einhandeln. Denn auch die Gesetzeshüter von heute fühlen sich in ihrer zentralen, kirchlichen Machtposition bedroht. Und das nicht zu unrecht, denn vieles ist ins Wanken gekommen und so manches Kind wurde mit dem Bad ausgeschüttet. Aber ist es wirklich sinnvoll, an durchaus zeit- und kulturbedingten Formen mit Gewalt festzuhalten und am Buchstaben zu kleben, statt sich zu öffnen und gemeinsam – Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien als Glieder des Volkes Gottes – in geschwisterlichem Umgang an der Bildung eines mündigen und verlässlichen Gewissens zu arbeiten. An einem Gewissen, das im Stande ist, „mit absoluter Ehrlichkeit nach dem jeweils Guten oder wenigstens Bestmöglichem zu suchen, im persönlichen wie im sozialen Bereich?“ (B. Häring).