Zwei Millionen junge Menschen kamen zum 15. Weltjugendtreffen
Ausgabe: 2000/34, Weltjugendtreffen, Rom
22.08.2000
- Walter Achleitner
Der alte Papst als Prophet einer neuen Generation. Beim Abschluss des Jugendtreffens vermittelte Johannes Paul II. ein optimistisches Bild.
Der Papst selbst sprach die Zahl nicht aus, die beim Abschlussgottesdienst des 15. Weltjugendtreffens Geschichte macht: Mehr als zwei Millionen junge Menschen waren am vergangenen Wochenende nach Tor Vergata gekommen, um mit Johannes Paul II. Gottesdienst zu feiern. Auch das in den Medien oft beschworene „vatikanische Woodstock-Feeling“ stand für den Papst nicht im Zentrum. Er wollte bei dieser gigantischen Feier seine Botschaft an die Jugendlichen aus 163 Ländern vermitteln. Der 80-Jährige nutzte die einmalige Chance, einer ganzen Generation von jungen Menschen etwas auf ihren Weg ins neue Jahrhundert mitzugeben. Und um das zu erreichen, formulierte er Botschaften, die das Herz jedes Einzelnen in der Tiefe berühren sollten. Schon am Samstagabend hatte der Papst beim Abendgebet seine Zuhörer nicht geschont. Der Glaube an Jesus, die Nachfolge Christi bedeute in der heutigen Gesellschaft in der Regel zwar nicht das Martyrium im Sinne des Blutvergießens, wohl aber ein „Schwimmen gegen den Strom“. Er nannte öffentlich oft belächelte Haltungen wie das sexuelle Wartenkönnen vor der Ehe, die Treue unter Eheleuten und unter Freunden, sowie das Engagement für eine solidarische Welt gegen die „Logik des Profits und der Gruppeninteressen“. Zum Tugendkatalog der jungen Christen-Generation zählte er auch den Einsatz für den Frieden und für die Freiheit des Menschen gegen alle Formen der Sklaverei. Und nicht zuletzt auch das Engagement zur Verteidigung des Lebens in all seinen Formen, des geborenen wie des ungeborenen. „Ist es schwer, in einer solchen Welt zu glauben?“, fragte der Papst die Jugendlichen aus aller Welt. „In der Tat: es ist schwer. Das darf man nicht verschweigen. Es ist schwer, aber mit der Gnade Gottes ist es möglich.“ Ob alle in Tor Vergata alles verstanden, was der Papst ihnen da zumutete, ist fraglich. Zu wenige und zu kleine Videowände waren aufgebaut, viele hatten kein tragbares Radio, um seine Worte in der Muttersprache mitverfolgen zu können. Die Massen, die seine Worte hörten, jubelten ebenso wie jene, die nur den farbenprächtigen und musikalisch eindrucksvollen „Mega-Event“ genossen. Die Nacht und der Morgen von Tor Vergata wird jedenfalls unvergessen bleiben.Beim größten Gottesdienst der Geschichte Roms trat der Papst als optimistischer Prophet auf. Er blicke voll Vertrauen auf die junge Menschengeneration und freue sich über ihre Vorsätze und ihr Engagement. Dass seine Hoffnung auf eine Renaissance christlicher Ideale nicht ganz unbegründet ist, illustrierten beim Weltjugendtreffen die jungen Menschen in eindrucksvoller Weise. Bis zu zwei Millionen feierten ihren Glauben sechs Tage lang friedlich, bunt, fröhlich und freudig in einer Stadt, die noch nie so jung und energiegeladen schien wie in diesen heißen Augusttagen.
Religiös war es eine tolle Sache
Was war typisch für das Weltjugendtreffen in Rom? Herz: Internationalität, Hitze, Begegnung und auf unterschiedlichste Weise darüber nachzudenken, was es heißt, Christ zu sein.
Welche Eindrücke nehmen Sie mit nach Hause? Herz: Religiös und spirituell war es eine tolle Sache. Es ist sicher ein Erlebnis, mit zwei Millionen Menschen beisammen sein zu dürfen und gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Organisatorisch war es ein Chaos. Es ist deshalb gut gegangen, weil sie in Rom waren, nicht um eine Gaudi zu haben, sondern weil es ein religiöses Treffen war.
Haben die Jugendlichen die Kirche verändert? Herz: Es wäre ja gar nicht anders gegangen, als sie mit kurzen Hosen und Leiberln mit Spaghetti-Trägern in den Petersdom hinein zu lassen. Aber es hat gezeigt, dass Jugendliche nicht automatisch weniger fromm sind, wenn sie so gekleidet sind. Es wäre ein Impuls zu fragen: Was sind jugendliche Ausdrucksformen, die von älteren Generationen als Tabubruch erlebt werden. Rom zeigte: Man kann sich schwer täuschen, wenn man nur nach dem Äußeren geht.
Wünsche für 2002, das nächste Jugendtreffen in Toronto? Herz: Dass es gelingt, trotz unterschiedlicher spiritueller Beheimatungen der Jugendlichen für diesen Anlass stärker das Gemeinsame auf der Ebene der Diözesen zu suchen
Interview mit Franz Herz Bundesjugendseelsorger in Österreich.
Singen, beten und schlangestehen
In der Tageshitze der Ewigen Stadt war das Jugendtreffen eine Mischung aus Pilgeransturm und Dauernotstand.
Ähnlich wie der Petersdom wurden in den Tagen des 15. Weltjugendtreffens 150 Kirchen der Ewigen Stadt von jungen Menschen aus 163 Ländern friedlich erobert. Wo sich die alten Römer beim grausamen Martyrium der Christen amüsierten, gab es ein anderes, ungewöhnliches „Schauspiel“: Massenbeichten im Circus Maximus. Am Rand der antiken Rennbahn waren 13 Zelte aufgebaut, jedes mit 24 weißen „Beichtstühlen light“ ausgestattet: drei Tage lang, von sieben Uhr früh bis Mitternacht, wechselten sich 2000 Priester ab und spendeten in 32 Sprachen das Sakrament der Versöhnung. Abends überfluteten junge Menschen die Straßen und Plätze auf der Suche nach Konzerten oder spontaner musikalischer Unterhaltung der unterschiedlichen Nationen. Höhepunkte waren die Konzerte von Angelo Branduardi vor dem Lateran und der Südafrikanerin Miriam Makeba vor der Universität Gregoriana. Nach beiden Konzerten kam es zu Stauungen in der U-Bahn. Wie überhaupt die Metro mehrmals täglich wegen Überlastung kurzerhand den Betrieb einstellte. Wem die Abkühlung durch Eis oder Mineralwasser, dessen Preis täglich höher wurde, nicht genügte, sprang in einen der städtischen Brunnen. Auch hier waren die strengen Regeln, samt Strafe für Brunnenbaden bis zu 7000 Schilling, weitgehend außer Kraft. Und obwohl 24.000 chemische Toiletten über die Stadt verteilt aufgestellt wurden, stöhnten die Barbesitzer unter dem Ansturm auf ihre WCs. Weil im römischen August nur jede zehnte Bar geöffnet hat, gehörte Schlangestehen bei Temperaturen um die 40 Grad zum Pilger-Alltag. Auch vor der Meldestelle für Diebstähle riss die Schlange nicht ab. Den Verlust des Reisepasses zu melden dauerte durchschnittlich sechs Stunden.