Jerusalem: Teilung oder Sonderstatus – Viele Fragen im Österreich-Hospiz
Ausgabe: 2000/34, Jerusalem
22.08.2000
- Walter Achleitner
Jerusalem ist das zentrale Thema bei den Friedensgesprächen zwischen Israelis und Palästinensern. In der Altstadt träfen alle kursierenden Pläne das Österreichische Hospiz.
In den 138 Jahren hat das Haus in der Via Dolorosa Nummer 37 schon genug überstanden, als dass sich der Leiter des Österreichischen Hospizes in Jerusalem tatsächlich Sorgen über die Zukunft macht. Aber mit der seit Wochen anhaltenden Diskussion über die Lösung der Jerusalem- Frage macht sich auch Dr. Wolfgang Schwarz Gedanken um das Pilgerhaus der katholischen Kirche Österreichs. „Für uns geht es nicht nur um die Frage, wohin wir gehören werden“, sagt Schwarz. Nach wie vor gilt Jerusalem seit einem Gesetz von 1980 als ungeteilte Hauptstadt Israels. Und die Palästinenser sehen in ihrem Ostteil die Metropole des künftigen autonomen Staates. Und wohin mit der Altstadt (siehe Grafik), die wie der Ostteil bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967 ebenfalls zu Jordanien gehörte?
Neuauflage von Berlin
Seit 1947 spricht sich die UNO in Dutzenden Resolutionen für einen völkerrechtlichen Sonderstatus unter internationaler Kontrolle aus. Eine Ansicht, der sich auch die vatikanische Diplomatie bisher anschloss. „Doch nun spricht man nicht mehr von der Internationalisierung, sondern vom Sonderstatus für Jerusalem“, analysiert Schwarz die Sprachentwicklung im Vatikan. Und er ergänzt: „Doch so wirklich vorstellen kann sich niemand, was das für unser tägliches Leben bedeuten soll.“ Als Damoklesschwert bezeichnet Schwarz die Diskussion über die erneute Teilung. „Wie froh war die Welt, als Berlin nicht länger geteilt war.“ Grenzen müssten errichtet, Zäune und Mauern gebaut werden. Alleine das wäre ein Rückschritt für die Stadt und ihren einzigartigen Charakter in der Welt. Schwarz: „Wie kämen Pilger aus israelischen Hotels in die Altstadt mit ihren heiligen Stätten und umgekehrt? Selbst harmlosest ausgedrückt: Das wird eine Behinderung sein.“
Im Niemandsland
Auch der Gedanke an den „Sonderstatus“ löst bei Wolfgang Schwarz viele Fragen aus. Er fürchtet, dass die Altstadt zum Niemandsland werden könnte, das von beiden Seiten kaum zugänglich sei. Neben alltäglichen Sorgen – in welches Krankenhaus dürfen Pilger – geht es vor allem um die Sicherheit. „Wer schützt uns Christen im muslimischen Viertel der Altstadt?“ Wie berechtigt diese Sorge ist, zeigt die Situation in Bethlehem. Seit der palästinensischen Selbstverwaltung der Stadt hat sich die Lage der Christen systematisch verschärft. Bei den Verhandlungen über die Zukunft Jerusalems setzt der Rektor Schwarz auf die Anwaltschaft des Vatikan. Denn der Besuch des Papstes im Heiligen Land vom vergangenen März hat das Verhältnis sowohl zur israelischen als auch zur palästinensichen Seite positiv beeinflusst.
Die Heiligkeit der Stadt
Würde und Heiligkeit sind zwei Begriffe, mit denen sich politische Verhandler nur schwer zurechtfinden. Noch dazu wenn, wie bei den Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern, um jeden Quadratzentimeter Land gefeilscht wird. Dass dennoch die Heiligkeit einer Stadt auf dem Verhandlungstisch nicht übergangen werden darf, beweist Jerusalem – eine für Juden, Christen und Muslime gleichermaßen heilige Stadt. Auf engstem Raum liegen hier die heiligen Stätten der drei Weltreligionen beisammen: Tempelberg, Grabeskirche und Felsendom. Von allen anderen Städten unterscheidet sich Jerusalem darin, dass Gott ihr zugesagt hat, im Tempel zu wohnen. Damit hat Gott von ihr Besitz ergriffen. In den Worten der Bibel ausgedrückt heißt das: Jerusalem ist Gottes Thron. Aus christlicher Sicht ist es daher auch verständlich, dass Jesus gerade in diese Stadt hinaufzieht. Nicht irgendwo in Galiläa wird er an das Kreuz genagelt, stirbt und wird von den Toten wieder auferweckt. Bereits seit frühester Zeit des Islam nennen Muslime die Stadt auf dem Berg „Al Quds – Die Heilige“. Eine Legende wurde zum immerwährenden Anlass für die Gläubigen, sich der Heiligkeit Jerusalems zu erinnern. Der Prophet Mohammed wurde von der Stadt aus auf einer geflügelten Stute in den Himmel getragen. Der Felsendom, wohl prächtigstes Bauwerk der Altstadt, erinnert bis heute daran.Erstaunlich ist: Seit 538 vor Christus, seit der Heimkehr Israels aus dem Exil, ist Jerusalem das prophetische Ziel der „Wallfahrt der Völker“. Denn als Wohnung eines für alle Menschen offenen Gottes stehen auch ihre Tore allen Völkern offen.