Haltungen und Initiativeneiner „neuen und notwendigen Schöpfungsgesinnung“ skizzierte Bischof Reinhold Stecher in einem Vortrag für Mitglieder der Fachgruppe Land- und Forstwirtschaft der Bundes-Ingenieurkammer 1994 in Villach.
Neue Bescheidenheit
Unsere Zeit krankt an der Maß-losigkeit. Das wuchernde Geschwür, dem man so schwer beikommen kann, der Krebs, ist insofern fast ein Symbol der Zeit...Die immer notwendiger werdende Bescheidenheit in den Ansprüchen setzt etwas voraus...: Nach außen verzichten kann nur der Mensch, der einen inneren Reichtum hat...Wenn einer als Kind oder Jugendlicher gemütstiefe Erlebnisse hat, dann weiß er, dass es nicht weiß der Himmel was für einen Aufwand braucht, um glücklich zu sein. Wenn bei einem Menschen eine erlebnishaft-schöpferische Eigeninitiative da ist mit jenen Erlebnissen, die zwar etwas Mühe kosten, aber eben Freude bringen..., dann braucht man nicht so viel, wie wenn man in dieser dümmlich-passiven Konsum-Mentalität von Glotze, Disco und Kilometerfresserei steht. Ich bin mit 1200 jungen Menschen in 60 Alpinkursen in Fels und Eis gewesen... Ich weiß, wovon ich spreche und wie das prägt...
Behutsamere Intelligenz, intelligentere Technik
Ich baue... auch auf eine kultivierte Rationalität, eine Naturwissenschaft mit Weitwinkel und eine Technik mit Horizont. Die Schlagworte, die in der Mitte des Jahrhunderts das Leben bestimmt haben, waren Aktivität, Tatkraft, Unternehmungsgeist, un-begrenzte Möglichkeiten, Planbarkeit, Machbarkeit, Weltgestaltung, Erschließung, Nutzung, Rationalisierung, Fortschritt. Die Konfettiparade dieser Mentalität ist eigentlich vorbei. Wir müssen auch als Gestalter der Schöpfung andere Haltungen dazu entwickeln. Wir müssen Lauschende, Horchende, Einfühlende, um komplexe Zusammenhänge Wissende, Geduldige, Vorsichtige, Behutsame, Abwägende sein...
Fähigkeit zum Staunen,Sinn für Schönheit
Hier sehe ich eigentlich viele eingespannt... Hier muss ich...z. B. das Fernsehen loben, das mit großartigen Naturfilmen wirklich das Wunder der Schöpfung erschließt und zu neuer Wertsicht beiträgt. Was in meiner Kindheit eine Drecklacke war, ist heute ein Biotop. Unverhältnismäßig seltener begegnet man den Bergblumen-Rupfern. Einfluss in dieser Richtung nehmen die Lehrpfade. In meinem bischöflichen Gymnasium ist Umwelt und die Information über die Lösungsmöglichkeiten, die sachlich vertretbar sind, zum Schwerpunkt gemacht worden. Das heißt auch, dass z. B. Literaturunterricht, Religionsunterricht, bildende Kunst und Musik, Geographie und außerschulische Initiativen in diese Richtung gepeilt werden. Und es hat sich gezeigt, dass bei jungen Menschen für eine derart ganzheitliche Sicht der Dinge großes Interesse besteht.
Haltung der Ehrfurcht
... Ohne das Wiedergewinnen der Ehrfurcht wird der Mensch immer wieder zum Verwüster der Erde werden. Manchmal wünsche ich mir, dass in jedem Österreicher ein Stück von Adalbert Stifter erwache, der vom sanften Gesetz geschrieben hat und von der Grö-ße der Natur im kleinsten Wesen und im bescheidensten Ereignis. Zielmann hat einmal gesagt, „dass jeder Falter, der über die Blume taumelt, gleichsam ein Fenster ist, das uns Einblick in die Tiefen des Seins gewährt“. Das knüpft unmittelbar an den Gedanken großer Theologen des Mittelalters an, die davon gesprochen haben, dass die Vielfalt endlicher Geschöpfe den Reichtum des unendlichen Gottes wiederspiegle und dass der Kosmos „Saum seines Gewandes“ sei. Im Gegenlicht religiöser Weltsicht erhalten Steine, Gräser, Tiere und Menschen eine neue Würde...
Schöpfung als Geschenk in der Ahnung des Heiligen
Das Numinose (= das Göttliche, das zugleich Vertrauen und Schau-er erweckt) in der Schöpfung zu sehen, ist so alt wie die Menschheit. Sicher ist auch viel Angst vor der Bedrohung durch die Schöpfung in diese Haltung eingeflossen... Aber die heiligen Haine, Berge, Tiere, Bäume, Blumen, Steine, das Rauschen des Windes und der Wogen, die heiligen Quellen, Flüsse und Seen, die Wolken und das Gewitter – all das hat den Menschen seit eh und je bewegt. Für den modernen Menschen scheint mir angesichts der Schöpfung vor allem ein Gedanke nachvollziehbar: Man erlebt sie als Geschenk... Und damit stehen wir am Rand des Glaubens. Danke sagen kann man nur zu einem Du, nicht zu einem Es, nicht zu einem Kosmos oder einem Chaos, nicht zu einem Naturgesetz oder sonst einem abstrakten Es, sondern nur zu einem Du, so unfassbar es auch wäre...