Das Edelfräulein aus Mantua und der Haudegen aus Tirol
Ausgabe: 2000/34, Paola, Lienz
22.08.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Reinhard Kriechbaum
Szenen einer Ehe, die auspolitischen Gründen eingefädelt wurde: „Leonhard und Paola“ im Schloss Bruck in Lienz.
Wie kam es, dass 1478 eine junge, hochgebildete Dame aus Mantua ins Osttiroler Lienz übersiedelte? In Mantua durchwehte der Geist der Renaissance die Residenz der Fürstenfamilie Gonzaga, und die ersten Künstler der Zeit waren zugegen. Und das Schloss Bruck bei Lienz? Die frische Dolomitenluft mag die Fünfzehnjährige kaum über den neuen, wenig freundlichen Wohnsitz hinweggetröstet haben. Frische Winde aus dem Gebirge anstatt der Malaria übertragenden Mücken in der Po-Ebene? Die junge Frau war bereits als Zehnjährige Leonhard von Görz als Gattin versprochen worden. Ihr Glück, dass es dann noch fünf Jahre dauerte, bis der diplomatische Menschenhandel vollzogen wurde.
Pausbäckige Paola
Der politische Hintergrund: Über Slowenien drangen die Türken unaufhaltsam vor, sie standen sogar vor Spittal an der Drau. Und weil sie auch die Meere unsicher machten, musste sich die im Seehandel behinderte Republik Venedig auf ihr Hinterland besinnen. Das führte zwangsläufig zu Konflikten mit Mailand, Görz und Tirol. In Zeiten wie diesen war also nicht nur für die Habsburger eine kluge Heiratspolitik wichtig. Auch kleinere Landesherren trachteten danach, durch gezielte Brautwahl dem politischen Glück und der Sicherheit der Landesgrenzen planvoll nachzuhelfen: Leonhard von Görz, Herrscher über Friaul und fast ganz Istrien, das heutige Südtirol und die Provinz Trentino, ehelichte deshalb eine Tochter aus dem Hause der Gonzaga. Die Mantuaner waren unmittelbare Nachbarn zu Venedig. Devise: Einkreisen des Feindes durch familiäre Bande. Paola, als Pausbäckige in Mantua dargestellt, brachte in zwei reich beschnitzten Brauttruhen schöngeistige Dinge mit nach Lienz: Die Hochgebildete hatte Cicero, Dante und Petrarca im Reisegepäck. Das waren, abgesehen von der Bibel, die ersten Bücher am Görzer Fürstenhof. Der Bräutigam hingegen war alles andere als ein Humanist: Leonhard war gewohnt, brachial vorzugehen und eigenhändig das Schwert zu führen. Als bei einer Firmung der Bischof nur symbolhafte Schläge austeilte, langte der Landesherr vor der Kirche sicherheitshalber nochmals kräftig zu. Denkbar schlechte Karten für die kunstsinnige junge Dame. Da gab es handfeste Streitereien um die Mitgift, und mehrmals beklagte sich die junge Ehefrau brieflich bei ihren Eltern und Geschwistern über schlechte Behandlung. Dann griffen die Gonzagas in Mantua zur Feder, ermahnten den Schwiegersohn oder Schwager je nach Sprachvermögen auf Italienisch oder Deutsch. Und wenn es allzu krass herging auch in offiziellem Latein. Das war schon die Stufe knapp vor der Kriegserklärung.
Cholerischer Leonhard
Da der ersehnte Stammhalter ausblieb, war die Atmosphäre zwischen den Eheleuten obendrein vergiftet. Leonhard hegte erhebliches Misstrauen gegen die Leibärzte seiner Frau und ihre Dienerschaft. Nicht viel sei einzuwenden gegen das Schloss Bruck und das Leben dort, hielt ein Arzt brieflich fest, aber angesichts des cholerischen Landesherren wolle er um keinen Preis dorthin zurück, um Paola weiter zu behandeln! Paolas weiteres Schicksal? Wir wissen nicht einmal, wann sie gestorben ist. Ihr Mann lebte jedenfalls als Witwer bis 1500. Mit ihm starben die Görzer aus und die umfangreichen Ländereien kamen ans Habsburgerreich.
Zwischen Süd und Nord
Die Schau „Leonhard und Paola. Ein ungleiches Paar“ ist Teil der gemeinsamen Landesausstellung „1500 circa“ der Länder Tirol, Südtirol und des Trentino. Über die beiden anderen Teile (in der bischöflichen Residenz von Brixen und im Schloss Beseno nahe Rovereto) wurde bereits berichtet. Auch der Ausstellungsteil auf Schloss Bruck, er ist der bei weitem anschaulichste der Ausstellungs-Trias, ist bis 31. Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Er zeigt viel vom Alltagsleben aus der Zeit um 1500: wie eine kalte Burg damals eingerichtet war, wie Alltagsgerätschaften aussahen, wie Tische gedeckt wurden und was auf die Teller kam, oder wie man sich mit Jagd, Turnieren oder Spielen die Zeit vertrieben hat. Der geistesgeschichtliche, vor allem aber der reale Horizont der Menschen, die hier lebten, ist anschaulich aufgeschlüsselt. Die Spannungen der Zeit sind mit einprägsamen, vielfältigen Schaustücken beispielhaft dargestellt. Gerade dieses lebensnahe Thema bot gute Chancen, die Spannungen der Zeit zwischen aufblühender Renaissance-Kultur im Süden und den im Norden noch viel eher anzutreffenden beharrenden Kräften des Spätmittelalters greifbar zu machen. Um 1500 wurde ja das Weltbild gehörig umgekrempelt. Humanismus und Gotik prallten aufeinander. Die insgesamt unstabile politische Lage angesichts des Machtverlustes von Venedig und der heranpreschenden Türken machte das Konfliktpotenzial nicht geringer.
Auskünfte im Schloss Bruck in Lienz unter Tel. 0 48 52/71 5 00. Oder im Internet unter:www.1500circa.net
15 Eintrittskarten für die besprochene Ausstellung zu gewinnen! Wie viele Brauttruhen brachte Paola Gonzaga nach Lienz mit?Schicken Sie Ihre Antwort bis 4. 9. an: Linzer Kirchenzeitung, Kapuzinerstraße 84, 4020 Linz, oder mailen Sie: kirchenzeitung.ooe@dioezese-linz.at