Serie: Die Kunst, das Leben einfach zu genießen (9)
Ausgabe: 2000/34, Spiel
22.08.2000
- Martin Kranzl-Greinecker
„Spiel ist ernst und leicht zugleich“, sagt ein weiser Mensch am Ende einer Fabel. Miteinander zu spielen ist etwas anderes als sich mit jemandem zu spielen.
Ein weiser Mann, so erzählt eine Geschichte, wurde am Abend eines langen Tages gefragt, was heute der wichtigste Moment für ihn gewesen sei. Nach angestrengtem Nachdenken nennt er das Spiel mit einer Glasperle. Es sei ernst und leicht zugleich gewesen, so der Weise. Im festgefügten Alltagsschritt bleibt nur wenigen Menschen Zeit für Muße und Traum. Nach Arbeitsschluss fügt sich bei vielen der Freizeitstress an, der wiederum kaum spielerischen Freiraum lässt. Bewusste Pausen zum Spiel mit Worten und Gedanken oder zum Spiel mit anderen (bei dem es freilich nicht ums Siegen geht) muss ich mir eben nehmen. Soll niemand sagen, das Spiel sei nur etwas für Kinder! Im Gegenteil, von Kindern können Erwachsene lernen, was zweckfreies und dennoch engagiertes Tun heißt.„Wenn du ruhig werden willst, wenn du den Weg zu Gott verloren hast, wenn du nicht mehr loben, bitten und danken kannst, dann geh und spiel mit den Kindern“, rät ein Gedicht. Wie viel Kraft und Frieden aus dem spielerischen Miteinander kommt, ist am besten im Liebesspiel zu erkennen. Hier zeigt sich, ob mich jemand als Partner/in ernst nimmt oder sich mit mir spielt. Stefan Zweig schrieb: „Ich liebe die bangen Zärtlichkeiten. Sie sind seltsam süß, weil sie im Spiel gegeben, sanft und absichtslos und leise nur verwirrt.“ Nicht nur die erste Liebe, auch gewachsene Beziehungen oder alte Partnerschaften benötigen hörbare, sichtbare, fühlbare Zeichen der Zuwendung. Das Hohelied der Liebe im Alten Testament beschreibt in üppigen Bildern aus der Tier- und Pflanzenwelt, wie Liebende einander umwerben. Ganz positiv werden Sexualität und Erotik bewertet. Schon die Kirchenväter deuteten genau diesen Text als Vergleich der Liebe Gottes zu seinem Volk. Auch die Verbindung Christi mit der Kirche wird mit diesem innigen Bild umschrieben. Die volle Erfahrung der Sinne ist ein wunderbares Geschenk Gottes. Das Schönste aber ist, dass Gott selbst die Leiblichkeit geheiligt hat, indem er selbst in Jesus von Nazareth „Fleisch“ geworden ist. Auch ein sehr alter irischer Segen spricht die Göttlichkeit der Liebe an: „Nimm dir Zeit zu lieben und geliebt zu werden – das ist das Vorrecht der Götter.“