Am 3. September werden Pius IX. und Johannes XXIII. seliggesprochen
Ausgabe: 2000/35, Seligsprechung, Johannes XXIII, Pius IX
29.08.2000
- Hans Baumgartner, Walter Achleitner
Beide Päpste haben ein Konzil einberufen, jedoch mit gegensätzlichen Absichten. Dass sie gleichzeitig seliggesprochen werden, führt zu heftigen Diskussionen.
1317 neue Heilige und Selige werden es ab 3. September sein, die Johannes Paul II. in 22 Jahren zur Ehre der Altäre erhoben hat. Dass aber Papst Pius IX. überhaupt und dann noch zeitgleich mit Johannes XXIII. seliggesprochen wird, stößt auf heftige Kritik. Die schärfste Ablehnungen der Kanonisierung Pius’ IX. innerhalb der letzten Monate kam von den 34 katholischen Kirchenhistorikern des deutschen Sprachraums. Die Universitätsprofessoren lehnen sie einstimmig ab.
„Wir haben uns dazu moralisch verpflichtet gefühlt“, sagt der Innsbrucker Kirchengeschichtler Bernhard Kriegbaum. Auch deshalb, weil man während des Verfahrens um die Seligsprechung die Historiker „nicht richtig gehört hat oder sie auch nicht hören wollte“, meint der Jesuit, der 14 Jahre an der päpstlichen Universität Gregoriana lehrte.
Mangel an Klugheit
Kriegbaum über die Erklärung: „Niemand zweifelt an seiner persönlichen Frömmigkeit. Auch die von Zeitgenossen gerühmte persönliche Liebenswürdigkeit des Papstes steht außer Zweifel.“ Den Historikern ist es auch nicht darum gegangen, einzelne belastende Tatsachen anzuführen. „Sein 32 Jahre dauerndes Pontifikat“, so Kriegbaum, „steht im Zeichen des Kampfes gegen die Zeitirrtümer. Und Pius fehlte jede Klugheit, so unsere Kritik, zu unterscheiden. Er hat den Liberalismus in Bausch und Bogen verworfen und darin nur das Machwerk der Hölle gesehen. Dass der Liberalismus auch positive Werte, wie die Rechte des Einzelnen in der Gesellschaft, mit sich brachte, hat er in keiner Weise wahrgenommen. Doch das gehört zur Tugend der Klugheit, die bei der Seligsprechung eine besondere Rolle spielt – und das muss speziell für die Position eines Papstes gelten.“Als Symbolfigur des Kampfes gegen den Liberalismus, nicht nur den kirchenfeindlichen, sondern auch den innerkatholischen, gelte Pius IX. Viel Positives ist für die Kirche dadurch ein Jahrhundert lang unzugänglich gewesen. Erst das von Johannes XXIII. initiierte Zweite Vatikanische Konzil habe schwer gerungen, um den Dialog mit der Welt aufzunehmen.
Dass nun beide Konzilspäpste gleichzeitig selig gesprochen werden, ist für den Innsbrucker Kirchengeschichtler deshalb unvereinbar. Das Signal der Seligsprechung von Pius IX. gipfelt für ihn in der Frage: „Wie ernst nimmt die Kirche heute noch die Gewissens- und Religionsfreiheit des Zweiten Vatikanischen Konzils?“
Zur Person
Papst Pius IX.
Geboren am 13. Mai 1792, wird Graf Giovanni Maria Mastai-Ferretti am 16. Juni 1846 zum Papst gewählt. In seinem 32-jährigen Pontifikat erlebt der Kirchenstaat eine schwere Krise. Im Revolutionsjahr 1848 aus Rom geflohen, kehrt er mit Hilfe französischer Truppen 1850 in die Ewige Stadt zurück. Es kommt zur „reaktionären Restauration“. 1870 besetzen Truppen Italiens die Stadt, der Papst sieht sich von da an als Gefangener im Vatikan. Innerkirchlich kennzeichnend ist eine zunehmende Zentralisierung, die bestehende lokale Eigenarten in den Nationalkirchen auslöscht. Pius verurteilt die modernen „revolutionären“ Freiheiten – Glaubens-, Gewissens- und Pressefreiheit. 1864 werden im „Syllabus“ 80 Irrtümer der Zeit verzeichnet. Deren Abwehr ist Anliegen auch des Ersten Vatikanischen Konzils, das am 8. Dezember 1869 beginnt. Es formuliert, gegen zahlreiche innerkirchliche Widerstände, die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes. Nach Ausbruch des deutsch-französischen Krieges und der Besetzung Roms wird das Konzil auf unbestimmte Zeit vertagt. Pius IX. verkündet 1854 das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Marias und führt 1856 das Herz-Jesu-Fest ein. Sein Prestige, das er in der katholischen Bevölkerung genießt, überstieg alle seine Vorgänger. Kurz nach dem Tod am 7. Februar 1878 wird der Prozess zur Seligsprechung eingeleitet und unter Pius XII. wieder aufgenommen.
Walter Achleitner
Mit Gottvertrauen neue Wege gegangen
Seine schlichte, tiefe Gläubigkeit, sein Gottvertrauen und seine große Offenheit und Dialogbereitschaft – das schätzt Weihbischof Helmut Krätzl an Papst Johannes XXIII. ganz besonders.
Einen „Sprung vorwärts“ in die Welt und in die neue Zeit sollte die Kirche mit dem Konzil tun. So stand es zumindest in der italienischen Fassung der Eröffnungsrede von Papst Johannes XXIII. Der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl hat dieses Wort im Titel seines erfolgreichen Buches „Im Sprung gehemmt“ aufgegriffen und ein Bild des Roncalli-Papstes auf die Umschlagseite drucken lassen. Johannes XXIII. ist für Krätzl der „Vater des Konzils“. „Er hat – mehr als wir junge Theologen – erkannt, wie sehr die Kirche eine Öffnung brauchte; eine Öffnung aus ihrem engen theologischen Denken, eine Öffnung zu den anderen Kirchen und Religionen und eine Öffnung zur Welt.“
Prophetischer Schritt
„Ich gebe ehrlich zu“, so Krätzl, „dieser alte Mann hat damals viel mehr als wir Jungen durchschaut, wie stark die Kirche in ihrer selbstgewählten Abschottung gegenüber allen ,feindlichen, modernistischen‘ Einflüssen von außen gefesselt war. Wir waren vom kirchlichen Aufbruch der 50er-Jahre und ihrer großen gesellschaftlichen Reputation begeistert. Die andere Seite der Kirche, ihre starre Theologie und rigoristische Morallehre oder das beinharte Vorgehen gegen Theologen, die nicht der neuscho-lastischen, antimodernistischen Doktrin entsprachen, haben wir kaum kritisch wahrgenommen. Vor diesem Hintergrund war die Ankündigung eines neuen Konzils durch Johannes XXIII. ein zutiefst prophetischer Schritt.“ Der „Vater des Konzils“ ist er für Krätzl auch deshalb, weil er gegen den massiven Widerstand eines Großteils der Kurie dafür gesorgt hat, dass diese Versammlung der Bischöfe zu einem Ort des offenen Dialogs wurde. Dadurch nahm das Konzil einen völlig anderen Lauf, als sich die Kurie das vorgestellt und viele Theologen das befürchtet haben. Er war es, der den Bann gebrochen hat, so dass es möglich wurde, dass viele große Theologen der Zeit wie Lubac, Congar oder Rahner, die zuvor noch mit römischen Sanktionen belegt waren, zu den bedeutendsten Denkern des Konzils wurden.“ Er selber, so Krätzl, habe diese spannende Phase des Konzils, in der die Bischöfe die engen kurialen Vorgaben zurückgewiesen und das Geschehen an sich gezogen haben, als Stenograf in der Konzilsaula sehr intensiv miterlebt. Den Bann gebrochen hat Johannes XXIII. übrigens auch in Österreich. Weil die SPÖ die Bestätigung des von den Nationalsozialisten aufgehobenen Konkordates blockierte, wurde Erzbischof Franz König von Pius XII. nicht zum Kardinal ernannt. Johannes XXIII. wählte den umgekehrten Weg: Er machte König zum Kardinal und bald darauf kamen auch die Konkordatsverhandlungen in Gang.
Einer aus dem Volk
Für Krätzl ist Johannes XXIII. aber nicht nur der große Konzilspapst, ihn verbinden mit dem bergamesischen Bauernsohn auf dem Stuhl Petri auch viele persönliche Erinnerungen. Während der Papstwahl war Krätzl zu Studienzwecken in Rom. „Ich kann mich noch gut erinnern, wie sich auf dem Petersplatz die Begeisterung der Menge in Grenzen hielt, als dieser alte, rundliche Mann am Fenster erschien und als neuer Papst verkündet wurde. Auf die markante Gestalt von Pius XII. hatten sich die Leute wohl einen anderen Papst erwartet. Johannes XXIII. hat in seiner herzlichen Art aber sehr schnell die Römer gewonnen. Mit dazu beigetragen hat auch, dass er als erster Papst seit Pius IX. wieder den Vatikan verlassen und in Rom Krankenhäuser, Gefängnisse und Pfarren besucht hat. Ich habe erlebt, wie er den Brauch der Stationsgottesdienste in den römischen Stadtkirchen wieder aufgenommen und dabei in einer geradezu rührenden Volksnähe gepredigt hat. Da wurde der ferne Papst einer von ihnen, der sie verstand und ihnen aus dem Herzen redete. Später bin ich ihm als Sekretär von Kardinal König mehrfach bei Privataudienzen begegnet und erfuhr ihn als einen, der sich auch für die ,kleinen Leute‘ interessierte. Und schließlich erlebte ich in Rom, wie die Menschen seinen Tod betrauerten – bis zu den Bettlern auf den Straßen.“ Er verehre Johannes XXIII., so Weihbischof Krätzl, „wegen seiner schlichten und tiefen Gläubigkeit; wegen seines Gottvertrauens, dass er so Großes und Neues in der Kirche wagte ohne die auch damals weitverbreitete Angst, was dabei alles schiefgehen könnte; wegen seiner unerschütterlichen Zuversicht, dass der Geist Gottes die Kirche führt“. Und er schätze, so Krätzl, Papst Johannes wegen der Art des Dialogs, den er mit allen gepflegt hat. „Ich kann mich nicht erinnern, dass er – trotz massiver Gegenströmungen – jemanden diszipliniert hätte. Er hat seine Meinungen und Überzeugungen gehabt und diese auch klar geäußert. Es war für uns aber ungemein befreiend, dass damals die offene theolgische Dikussion möglich wurde und diese positive Sicht von Welt.“
Von der Welt lernen
„Bis dahin“, so Krätzl, „waren das Irdische und das Religiöse geradezu Gegensätze. Die Welt war etwas, von dem man sich besser fern hielt. Mit seiner Liebe zum Leben und zur Welt hat er eine neue Sicht der ,irdischen Wirklichkeiten‘ eröffnet, bis hin, dass die Kirche von der Welt etwas lernen könne. Das war gar nicht im Sinne eines anbiedernden Populismus oder Laxismus, er hat nur ohne Angst überall das Gute herausgesucht und angesprochen. Daher auch das ungeheure Interesse der profanen Gesellschaft an diesem Papst.“ „Wenn ich“, so Krätzl, „heute den seligen Papst Johannes XXIII. anrufe, dann als Fürsprecher für die Kirche, in die wieder so viel Angst eingezogen ist, Angst vor dem Neuen, Angst vor der Welt und Angst vor dem offenen Dialog. Er möge uns durch sein Beispiel und seine Fürsprache die Augen öffnen, dass diese Angst nicht im Sinne Jesu sein kann, der mutig neue Wege gegangen ist und uns aufruft, neuen Wein nicht in alte Schläuche zu tun.“