Meine Seelenräume entfalten lassen – Alltagsrituale neu entdecken
Serie: Rituale im Alltag
Ausgabe: 2000/35, Alltagsrituale, Seelenräume
29.08.2000
- Pierre Stutz
Einfache spirituelle Alltagsübungen können Lebenshilfe sein, um das Wunderbare inmitten des Alltäglichen zu entdecken.
„Kann es etwas Schlimmeres geben, als dass wir uns in unserem eigenen Haus nicht zurechtfinden? Wie können wir hoffen, in anderen Häusern Ruhe zu finden, wenn wir sie im eigenen nicht zu finden vermögen?“, schreibt die Mystikerin Teresa von Avila in ihrer „Inneren Burg“.Ein Gedanke, der mich vor einigen Jahren erschüttert hat. Denn zu lange habe ich außen gesucht, was ich mir selber schenken lassen muss. Wie jeder Mensch brauche ich Freundinnen und Freunde, Ansehen und Verwurzelung. Doch nur ich – dies ist die schmerzlich-befreiende Erkenntnis – kann mir Heimat in mir schenken lassen. Eine Beheimatung, die letztlich Gott allein ermöglichen kann. Gott in allen Dingen! Seit ich dieser Spur folge, habe ich die Kraft der Rituale in meinem Leben, besonders in meinem Alltag neu entdeckt.
Was ist ein Ritual?
„Es ist das, was einen Tag vom andern unterscheidet, eine Stunde von den andern Stunden“, lässt Antoine de Saint-Exupéry den Fuchs zum kleinen Prinzen sagen. Darum „muss es feste Bräuche geben.“ Ein Aufruf, der in unserer hektischen Welt, die zum Shoppingcenter der unendlichen Möglichkeiten geworden ist, aktueller denn je ist. Dabei nimmt die Vereinsamung und der Sinnverlust zu. Um nicht dauernd gelebt zu werden, sondern mehr aus der eigenen Mitte heraus zu leben, können einfache spirituelle Alltagsübungen Lebenshilfe sein, um im Alltäglichen das Wunderbare zu entdecken.
Denn ein Ritual ist für mich … - … ein Ort des Innehaltens, des Aufatmens, an dem ich mich in meinem eigenen Haus zurechtfinden kann. - … ein kraftvoller Moment der Erinnerung, dass das Wesentliche im Leben nicht machbar ist, sondern immer Geschenk, Gnade. - … die Verbindung zwischen Erde und Himmel, in dem ich wahr-nehme, was ist, und über mich hinauswachse, weil ich Teil eines grösseren Ganzen bin. - … ein Akt des Widerstandes für eine Welt, wo Gerechtigkeit, Lebensfreude, Solidarität und Zärtlichkeit spürbar werden. - … ein Hineinwachsen ins Urvertrauen, dass jeder Mensch sich immer wieder zum Guten verwandeln lassen kann: erlebbar im bewussten Ein- und Ausatmen. - … erfahrbar in der Wiederholung, im Nachahmen und Üben. Es führt mich zu mehr Achtsamkeit und innerer Ruhe mitten in den brennenden Fragen unserer Zeit. - … ein mystischer Moment, wo Raum und Zeit wie aufgehoben erscheinen und ich in Berührung komme mit Christus, der Quelle allen Lebens, erfahrbar in der Schöpfung und dem ganzen Kosmos. - … eine heilende Erfahrung, weil die Seele als das Lebendige in uns aufatmen kann und wir alle Erfahrungen rückverbinden (lateinisch re-liguere; daher kommt das Wort „Religion“) können in Gott, Grund des Lebens.
Natürlich birgt ein Ritual auch die Gefahr in sich, zur entleerten Gewohnheit und einem Automatismus zu werden. Um dem entgegenzuwirken, werde ich in dieser neuen Serie eine Fülle von Möglichkeiten aufzeigen, damit wir bei aller regelmäßigen Übung, die es braucht, die Lebendigkeit nicht verlieren.
Bedenk-Text
Dankend will ich mein Leben vertiefen in Dir Deine Spur in meiner Geschichte entdecken
Du schenkst in Symbolen und Ritualen der Seele Raum zur Entfaltung Du führst hinaus aus Dunkelheit und Verzweiflung darum danken wir Dir für Dein wunderbares Tun an den Menschen.
Pierre Stutz, Priester und spiritueller Begleiter, lebt im „offenen Kloster“ Abbaye de Fontaine-André, CH-2009 Neuchatel 9. Pierre Stutz ist Autor vieler erfolgreicher Bücher, u. a. „Alltagsrituale. Wege zur inneren Quelle, mit einem Vorwort von Anselm Grün, Kösel München (5. Auflage) 1999, öS 188,–.