Temelin: Wovon hunderttausende Menschen betroffen sind, darf nicht der Geheimniskrämerei einiger weniger überlassen sein
Ausgabe: 2000/35, Temelin, Kuchtova,
29.08.2000
- Ernst Gansinger
Zu einer gemeinsamen Aktion rufen Körperschaften und Vereine (darunter das Land OÖ, viele Bürgermeister der Grenzgemeinden zu Tschechien, die Überparteiliche Platform gegen Atomgefahr und das Anti-Atom-Komitee) an der österreichisch-tschechischen Grenze im Mühlviertel auf. Die Blockade, die am Samstag, 2. September um 11.59 Uhr beginnt und bis 17 Uhr dauert, ist ein symbolischer Schritt von ins Eck gedrängten österreichischen Bürgern angesichts der Inbetriebnahme des von Fachleuten als mangelhaft bewerteten Atomkraftwerkes Temelin in Südböhmen. An den Übergängen Wullowitz, Weigetschlag und Guglwald sollen sich ab 11 Uhr bei jedem Wetter möglichst viele Menschen mit Traktoren, PKWs, Motor- und Fahrrädern oder zu Fuß versammeln. Gefordert wird damit der sofortige Abbruch der begonnenen atomaren Kettenreaktion in Temelin, zumindest so lange bis eine unabhängige Umweltverträglichkeitsprüfung des Reaktors erfolgt ist.
Das AKW Temelin nahe Budweis, nahe Österreich wird in der ersten Septemberhälfte aktiviert. Allen Protesten zum Trotz, wie es scheint.
„Ich habe die jungen Frauen bei meinem Friseur in Krumau gefragt: ‘Habt ihr Angst wegen Temelin?’ ‘Nein’, haben sie gesagt, ‘nur ein bisschen. Temelin wird sicher sein ...’– Weißt du, die Propaganda ist massiv“, sagt Dana Kuchtova von den Südböhmischen Müttern gegen Atomgefahr (Solidaritätspreisträger der Kirchenzeitung 1996). Sie schildert, wie schwierig es in ihrem Land Tschechien ist, die Menschen aufzurütteln. Die Temelin-Betreiber machen geschickt Propaganda. Sie argumentieren, es wäre doch wirtschaftlich ein Wahnsinn, ein fertiges Kraftwerk nicht in Betrieb zu nehmen. Eine Behauptung, die Österreich von der Zwentendorf-Debatte her auch kennt.
Die Hoffnung ist aufrecht
Dennoch kämpfen die Umweltschützer und Atomkraftwerks-Gegner diesseits und jenseits der tschechisch-österreichischen Grenze einen ausdauernden und von Hoffnung getragenen Kampf. Seit Jahren schöpfen sie etwa jedes Rechtsmittel aus, um Informationen über den Sicherheitszustand des Kraftwerkes und die dutzendfachen Mängel beim Bau zu erfahren. Seit Jahren speist sie die Betreiberfirma CEZ und die tschechische Republik mit der Bemerkung ab: Geschäftsgeheimnis! Aber es dürfen Sicherheit und Umweltverträglichkeit nicht zum Geschäftsgeheimnis werden. Seit Jahren mobilisieren daher die AKW-Gegner Bürger/innen hüben wie drüben.
Zähe Sache
„Dass es so zäh werden wird, habe ich mir nicht gedacht“, resümiert Dana Kuchtova, Lehrerin und Mutter einer eineinhalbjährigen Tochter, angesichts der nun unaufhaltsam erscheinenden Inbetriebnahme von Temelin. „Aber“, sie zeigt, während sie das sagt, auf ihre Tochter, „ich weiß, für wen ich es mache.“ Sie und viele kämpfen weiter. Sie sehen noch Chancen: Temelin wird bis zum Mai 2001 nach und nach mit mehr Leistung arbeiten, erst dann wird der volle Betrieb aufgenommen. „Meine große Hoffnung ist, dass wir mit unseren rechtlichen Klagen Erfolg haben. Aber das braucht Zeit“, sagt Dana Kuchtova.
Europa ist gefragt
Mögliche Zutaten für einen Erfolg der Atomkraftwerks-Gegener sind: eine Volksbefragung (Gesetz ist in Vorbereitung); die kritische Position von Präsident Vaclav Havel; die nun (erst) erfolgte Unterstützung der deutschen Bundesregierung (Trittin-Brief); ein dringend fälliges Einmischen der EU sowie österreichische Hartnäckigkeit, im Zuge der EU-Beitrittsverhandlungen Tschechiens die Umweltverträglichkeit Temelins zum Thema zu machen. Tschechien will zudem von der EU nach dem angepeilten Beitritt 2003 vier Jahre noch Ausnahmen bei der Liberalisierung des Strommarktes, sprich: Dumpingpreise beim Atomstrom, denn der Strom aus Temelin, darauf weisen die Kraftwerksgegner seit Jahren hin, sei zudem bei Marktbedingungen zu teuer.Mühlviertler Gemeinden wollen mit der Blockade von Grenzübergängen am 2. September 2000 auch ein deutliches Zeichen des Widerstands setzen.