Notfallseelsorge: „Erste Hilfe“ für die Seele bei tiefen Erschütterungen
Ausgabe: 2000/36, Notfallseelsorge, Feuerwehr, Erste Hilfe,
05.09.2000
- Hans Baumgartner
„Und wer kümmert sich um uns?“ Diese Frage von Polizisten nach erschütternden Einsätzen hat Diakon Werner Baur nicht mehr losgelassen: „Da ist Kirche angefragt!“
In den letzten Jahren fuhr der Ulmer Betriebsseelsorger Werner Baur jeden zweiten Monat mit einer Polizeistreife die Nachtschicht mit. „Dabei erlebt man nicht nur manche Vorfälle, die einem unter die Haut gehen, man kommt auch ins Gespräch. Und ich habe dann oft zu hören bekommen: Wer kümmert sich eigentlich um uns – nach einem schweren Verkehrsunfall, einem erschütternden Selbstmord oder nach dem Zusammenbruch einer Ehefrau, der wir die Nachricht vom tödlichen Arbeitsunfall ihres Mannes überbringen mussten?“ Noch gut erinnert sich Baur an den stillen Aufschrei eines Polizisten, der einen flüchtigen Verbrecher erschossen hatte. „Wie dringend hätte ich damals jemanden gebraucht, mit dem ich hätte reden können.“ Diese Erfahrungen waren für Werner Baur der Anstoß, ein Projekt zur psychosozialen Betreuung von Einsatzkräften zu entwickeln. „Es ging darum, dass die Leute nach belastenden Einsätzen möglichst rasch beraterische Hilfe bekommen und nicht erst in ein paar Wochen. Ich war richtig wütend, als ich merkte, dass das nicht zu machen ist, weil die starren Strukturen wichtiger zu sein schienen als die Menschen.“
Auftrag Jesu ernst nehmen
Daraufhin entschloss sich Werner Baur, mit einem kleinen Team von Vertretern der Einsatzkräfte und der beiden Kirchen eine Notfallseelsorge aufzubauen. Unter Mithilfe der Feuerwehr wurde die Organisation auf die Beine gestellt und ein Schulungsprogramm erarbeitet. Seit Anfang 1999 versehen 33 Notfallseelsorger/innen im Raum Ulm ihren ehrenamtlichen Dienst. Jede/r von ihnen kann zwei Wochen im Jahr rund um die Uhr vom Feuerwehralarm zum Einsatz gerufen werden. Im letzten Jahr rückten die Seelsorger/innen 57 Mal aus. Unter dem Kommando des jeweiligen Einsatzleiters kümmern sich die Notfallseelsorger bei Verkehrsunfällen, Selbstmord und Suizidversuchen, bei erfolglosen Reanimationen, Bränden, Geiselnahmen u. a. vor Ort um Betroffene, Angehörigen oder Zeugen. Sie begleiten Polizisten mit ,Hiobsbotschaften‘ zu Angehörigen und bieten denen ihren Beistand an. Und sie sind auch für die Einsatzkräfte da, wenn die selber Hilfe brauchen. „Unsere wichtigste Aufgabe ist es, Menschen in einer schweren existentiellen Krise eine Schulter zum Anlehnen zu bieten, ihnen zuzuhören und mit ihnen zu trauern. Manchmal gehen solche Einsätze bis an die Grenze des Aushaltbaren“, sagt Werner Baur. „Wenn wir am Auftrag Jesu (Beispiel vom barherzigen Samariter) nicht schuldig werden wollen, müssen wir diesen Dienst aber ernst nehmen. Und bei allen Erschütterungen, vor denen ich als Seelsorger ebensowenig gefeit bin wie die Einsatzkräfte, habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht: es war gut und wichtig, dass du da warst.“
Zur Sache
Feuerwehr bei Krisensituation Als nach dem schweren Autobusunfall auf der Westautobahn die unverletzt gebliebenen, schwer geschockten Jugendlichen mit Zügen nach Hause geschickt wurden, warteten in den deutschen Zielbahnhöfen nicht nur ihre Angehörigen, sondern auch Notfallseelsorger/innen. Ihre Aufgabe ist es, so etwas wie eine „Erste Hilfe“ für die Seele zu bieten, eine Schulter zum Anlehnen, eine erste Möglichkeit, den Stress und Schock abzubauen und das traumatisierende Erlebnis aufzuarbeiten. In Deutschland ist die Notfallseelsorge zu Beginn der 90er Jahre durch den Einsatz einzelner engagierter Pfarrer entstanden. Sie knüpften enge Kontakte mit Feuerwehr und Rettungsdiensten, entwickelten mit ihnen Organisations- und Alarmsysteme und Ausbildungsprogramme. Inzwischen haben eine Reihe von Landeskirchen und Bistümern die Notwendigkeit der Notfallseelsorge erkannt und deren Aufbau unterstützt. Gleichzeitig wurden im Bereich des Rettungswesens und der Feuerwehren der psychischen Betreuung der eigenen Mitarbeiter und der Betroffenen mehr und mehr Augenmerk geschenkt. Neben der Schaffung eigener Einrichtungen zur Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SbE) wurden von den Einsatzdiensten immer öfter auch die Kirchen angefragt.
So entstand eine Vielzahl von Nofallseelsorge-Systemen in ganz Deutschland, die in Zusammenarbeit von Seelsorgern/innen, Bistümern und und Einsatzdiensten den jeweiligen Gegebenheiten angepasst wurden. Sie stehen sowohl den Betroffenen vor Ort und deren Angehörigen als auch den Mitarbeitern von Polizei, Rettung und Feuerwehr als erste und rasche Krisenintervention zur Seite.