Zu mir stehen – in Ehrlichkeit und Standhaftigkeit
Serie: Rituale im Alltag (2)
Ausgabe: 2000/36, Ehrlichkeit, Standhaftigkeit
05.09.2000
- Pierre Stutz
Morgens aufstehen, an der Bushaltestelle oder beim Einkaufen vor der Kasse stehen und warten – Rituale sind Momente der Erinnerung, die Gewohnheiten wie diese zu einem religiösen Tun werden lassen.
Gerade dastehen zu können, fällt uns gar nicht so leicht. Oft tun wir uns schwer, zu uns selbst zu stehen. In Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten ringen wir um einen eigenen Standpunkt. Selbstwertgefühl, Ehrlichkeit und Standhaftigkeit sind für mich wichtige spirituelle Grundwerte. In vielen Heilungsgeschichten erfahren wir, wie Jesus Menschen Mut macht, zu sich selber, ihren Gaben und Grenzen zu stehen. Er fordert sie darum auf, sich in die Mitte zu stellen. Jesus richtet Menschen innerlich auf, damit ein aufrechter Gang möglich wird, damit wir mit mehr Rückgrat für unser, das Leben aller Menschen und der ganzen Schöpfung mit Zivilcourage ein- und aufstehen. Wir dürfen es tun, im Urvertrauen, dass wir zu uns stehen können, weil Gott vor aller Leistung zu uns steht.
Bewusstes all-tägliches Aufstehen
Nicht nur morgens, sondern viele Male pro Tag stehen wir auf. Diese Bewegung ist mir zu einem Alltagsritual geworden, wenn ich es bewusster und achtsamer tue. Mit Ritualen können wir Gott nicht auf unsere Seite bringen, weil er längst vor unserem Tun zu uns steht. Rituale sind Momente der Erinnerung, die eine Gewohnheit zu einem religiösen Tun werden lassen. Ich muss also nichts Neues tun, sondern das, was ich je schon tue, langsamer und kraftvoller tun.Am Morgen, nach dem Aufstehen, stelle ich mich in die Mitte des Zimmers, spüre mit den nackten Füßen gut den Boden unter mir. Der Boden ist Bild jenes Gottes, der mich trägt, auch heute in all den vielen Anforderungen, die auf mich zukommen werden. Ich atme tief ein und aus in Verbindung mit den Worten von Hildegard von Bingen „Gott atmet in allem, was lebt“. Mein Dastehen, mein Atmen ist darum nicht nur ein persönlicher religiöser Akt. Es verbindet mich mit dem Atem der Menschen, der Tiere, der Pflanzen, dem ganzen Kosmos. So stehe ich anders, verwurzelter im Leben. Scheinbar verlorene Zeit des Herumstehens verwandelnDen Tag hindurch, hoffentlich auch wenn meine Pläne durch-kreuzt werden, versuche ich das bewusste Dastehen einzuüben. Wenn ich auf den Zug warten muss, wenn ich in der Einkaufsschlange anstehen muss, wenn … erinnere ich mich an die Kraft des Stehens. Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, der nicht zum heiligen Ort werden kann. Religion wird zur Lebenshilfe, wenn ich die scheinbar verlorene Zeit des Herumstehens verwandeln lasse in ein achtsames Dastehen. Der Atem hilft mir die Tiefendimension dieses unscheinbaren Stehens zu spüren. Für mich lebt darin die Hoffnung, dass Christus all-täglich in mir aufersteht, damit ich die Kraft erhalte den Aufstand für mehr Menschlichkeit und Solidarität zu wagen.
Am Ende eines Tages zu diesem Tag stehen
Am Ende des Tages stehe ich bewusst zu diesem Tag. Voll Dankbarkeit spüre ich das Lustvolle und Angenehme dieses Tages und ich versuche auch zu dem zu stehen, was ich mir anders gewünscht hätte, wo ich unzufrieden mit mir und andern bin. Ich stehe zwischen Erde und Himmel und in einer tiefen Verneigung drücke ich meine Sehnsucht aus, diesen Tag zu lassen, Gott zu überlassen.
Bedenk-Text
Wie Martha will ich im Leben stehen sorgsam-vertrauend mich auf die Ereignisse des Tages zurückbesinnen spüren was wesentlich und notwendig ist
Mitten im Staub des Alltags mich zurückführen lassen zu inneren Quelle die ausrichtet und entlastet weil alles Tun in Christus verwurzelt ist
Martha hat auch das Bessere gewählt Maria und Martha zwei Seiten in mir damit auch in aller Aktivität ich innerlich Momente des Aufatmens finde