Liebe Leserin, lieber Leser, in den kommenden Wochen möchte ich von Menschen und Liedern auf meinem Lebensweg erzählen. Gemeinsames Reden, Unternehmungen und Feiern haben mich bereichert, das gemeinsame Gebet und hier besonders das Singen haben sich deutlich in mein Herz eingeprägt. Diese Serie ist ein Versuch, Gottes Spuren zwischen Begegnungen, biografischen Notizen, Musik und theologischem Nachdenken nach zu zeichnen. Es sind sehr individuelle Zugänge zu religiösen Erfahrungen. Ich freue mich, wenn Sie mir dabei zuhören und folgen. Wie schön leuchtet der Morgenstern ist ein unentdeckter Schatz im Gotteslob (GL 554). Noch nie habe ich es in einem katholischen Gemeindegottesdienst gehört. Durch dich, Martin, habe ich es kennen gelernt, wie so vieles, was mir und vielen anderen durch dich im Gebet und in der Musik geschenkt worden ist. Bei dir haben wir erlebt: Von Gott kommt mir ein Freudenschein, wenn du mich mit den Augen dein, gar freundlich tust anblicken. Herr Jesu, du mein trautes Gut, dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut, mich innerlich erquicken. Der Text ist ganz und gar nicht die Sprache unserer Zeit, doch geht von ihr eine poetische Faszination aus, die inzwischen vier Jahrhunderte überdauert hat. Alle sieben Strophen durchzusingen wird nicht langweilig – unerschöpflich reich sind die Bilder, mit denen die Beziehung zu Gott als Hochzeitsfeier der Geliebten gedeutet wird. Die schreitende Choralmelodie hat festlichen Charakter, aber zugleich trägt sie in fröhlicher Grundstimmung durch die Zeilen. Unzählig sind die biblischen Zitate, nur auf einen Vers möchte ich verweisen: Jesus wird Sohn Davids aus Jakobs Stamm genannt, der einzige Hinweis auf das Judesein Jesu in unserem Gesangbuch. Sind wir uns bewusst, dass Jesus als gesetzestreuer Jude gelebt hat und niemals Christ geworden ist? Stimmt die Saiten der Kitara und lasst die süße Musica ganz freudenreich erschallen, dass ich möge mit Jesus Christ, der mein’s Herzens Bräut’gam ist, in steter Liebe wallen. Singet, springet, jubilieret, triumphieret, dankt dem Herren. Groß ist der König der Ehren. Im Choralsatz von Johann Sebastian Bach macht der Tenor in der Schlusswendung eine fast solistische Schleife: Nie werde ich sie singen können, ohne mich dabei an den Klang deiner Stimme zu erinnern, Martin.
Markus Himmelbauer ist Leiter des Christlich-Jüdischen Informationszentrums Wien und Organist in Schwanenstadt, Oö.