Ich war 20 und als Student für ein Jahr in Kolumbien. Bei einer Familie in Medellin verbrachte ich einige Tage. Am zweiten Abend, ich war gerade zu Bett gegangen, hatte ich plötzlich Atemprobleme, die Schleimhäute waren angeschwollen und die Haut am ganzen Körper gerötet – sie hatten meine Wäsche gewaschen und möglicherweise ein Waschmittel für meine Wäsche verwendet, das eine allergische Reaktion bei mir hervorrief – ich geriet in Panik.
Die Familie blieb gelassen. Mit Kind und Kegel versammelten sie sich um mein Bett; ich wurde von oben bis unten mit irgendeiner Salbe eingerieben, und es wurde viel geredet und gelacht. Binnen weniger Minuten war ich geheilt! Nun gut – die allergische Reaktion – oder was immer das war – wäre vielleicht auch von selbst abgeklungen. Aber ich fühlte mich zum ersten Mal richtig wohl in diesem fremden Land. Ich gehörte jetzt irgendwie dazu – ich war angenommen und aufgenommen worden; ich war Menschen begegnet – ich war berührt worden – hautnah!
Auch Jesus berührt und lässt sich berühren. Die Menschen, die er heilt, sind isoliert – ihre Krankheit hat sie ausgesondert aus der Gemeinschaft mit anderen. In ihrer Einsamkeit und Vereinzelung findet sich vielleicht sogar ihr eigentliches Leiden. Der Taubstumme lebt in seiner eigenen Welt, er kann sich kaum mitteilen, lebt am Rande. Erst durch das Berührtwerden findet eine Wandlung statt. Erst nachdem einer auf ihn zukommt und den Mut hat, ihn anzugreifen und ihm ohne Rücksicht auf Tabus zu begegnen, kann er die Botschaft hören: Öffne dich! – Mach endlich auf! – Es wartet so viel auf dich – hab keine Angst mehr – du musst deine Ohren nicht mehr verschließen und deine Zunge zügeln!
Das wäre ein lebendiger Glaube: Persönlich berührt sein von Jesus; Erfahrungen der Begegnung mit dem Göttlichen haben; wenigstens durch die Ahnung von einer anderen Wirklichkeit zur Öffnung befähigt sein und dann ein Mensch sein, der anderen so begegnen kann, wie es mein ehemaliger Studienkollege, der peruanische Priester Luis Zambrano, beschreibt: „Mich schmerzte jener Mensch, der da lag, mit trockener Zunge, sein Gesicht zur Sonne. Ich rannte und bot ihm etwas Wasser an; er jedoch blickte mich an, mit der Traurigkeit derer, die fühlen, dass sie sterben. Voller Verzweiflung nahm ich ihn in meine Arme und brachte ihn zur Quelle, wo ich seine Kleider und seine Haut benetzte … er heftete seine Augen auf mich und sah mich mitleidig an. Ich redete und lächelte ihn an, ging mit ihm ins Wasser hinein und sang in den Wind. Und dann, erst dann hatte der Mensch Durst …“