Fragen der Einzigartigkeit Jesu Christi und der Kirche sind Gegenstand des vatikanischen Schreibens, das am 5. September vorgestellt wurde.
Eine Absage an den religiösen „Relativismus“ hat die vatikanische Glaubenskongregation formuliert. Das Dokument trägt den Titel „Dominus Iesus“ und wurde am Dienstag vergangener Woche von Kardinal Joseph Ratzinger vorgestellt. Darin wird eine Grenzlinie zur so genannten „pluralistischen Religionstheologie“ gezogen, die die „Einzigartigkeit und Universalität Jesu Christi in Zweifel zieht und alle Religionen als gleichwertige Heilswege sieht. „Mit dem Kommen Jesu Christi, des Retters, hat Gott die Kirche für das Heil aller Menschen eingesetzt. Diese Glaubenswahrheit nimmt nichts von der Tatsache weg, dass die Kirche die Religionen der Welt mit aufrichtiger Ehrfurcht betrachtet; sie schließt aber zugleich radikal jene Mentalität des Indifferentismus aus, der zur Annahme führt, dass eine Religion gleich viel gilt wie die andere.“ Das Zweite Vatikanische Konzil hätte ausdrücklich festgestellt, dass die „einzig wahre Religion“ in der katholischen Kirche verwirklicht sei, die von Jesus den Auftrag erhalten habe, sie unter allen Menschen zu verbreiten. In der Erklärung wird auch auf die Frage der „Einzigkeit und Einheit der Kirche“ eingegangen. Die von Christus gestiftete Kirche sei, wie es das II. Vaticanum formuliert, in der katholischen Kirche „verwirklicht“, die „vom Nachfolger Petri und den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird“. Ausdrücklich unterschieden wird: „Kirchen“ sind auch die orthodoxen, altorientalischen und die altkatholische, weil sie die „apostolische Sukzession“ (das auf die Apostel zurückgehende Bischofsamt) und die gültige Eucharistie bewahrt haben. In ihnen ist die Kirche Christi „gegenwärtig und wirksam“, obwohl ihnen die volle Gemeinschaft mit der katholischen Kirche fehlt, „insofern sie die katholische Lehre vom Primat nicht annehmen, den der Bischof von Rom über die ganze Kirche ausübt.“ Alle anderen – insbesondere Protestanten – seien nicht Kirchen „im eigentlichen Sinn“, sondern „kirchliche Gemeinschaften“. Die in ihnen Getauften stünden in nicht vollkommener Gemeinschaft mit der Kirche.
Reaktionen
- „Betroffen und irritiert“ ist der österreichische Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche, Herwig Sturm. Die Frage nach dem Wesen der Kirche sei Teil des Dialogs zwischen den Kirchen, der keineswegs abgeschlossen ist. Der Alleinvertretungsanspruch, „zu sagen, wir sind die Mutter und ihr nicht einmal Schwestern“ bedeute einen Rückfall in die vorkonziliare Zeit. Bei aller Betroffenheit könne aber das vatikanische Schreiben das „gute ökumenische Klima“ in Österreich nicht zunichte machen. - „Ärger und Empörung“ habe der Ratzinger-Brief in der reformierten Kirche ausgelöst, meint Peter Karner, reformierter Landessuperintendent in Wien. Ob gewollt oder ungewollt werde damit die ökumenische Einstellung und Politik der römisch-katholischen Kirche desavouiert. Er sieht einen Zusammenhang mit der Seligsprechung von Pius IX. und dessen Unfehlbarkeitsanspruch. - „Verblüffend ist, dass der ökumenische Dialog der letzten 30 Jahre in der offiziellen römisch-katholischen Kirche ganz im Gegensatz zu vielen Christen in dieser Kirche auch in der Haltung so gut wie nichts bewegt zu haben scheint“, sagte Paul Weiland, Obmann des Evangelischen Bundes in Österreich. Da kein konkreter Anlassfall für diese Aussagen bestand, habe offensichtlich das geschwisterlichen Leben der Christen untereinander für Rom einen Punkt erreicht, „an dem die Notbremse gezogen werden muss“.
Interview
Klärungsbedarf Frau Oberin Gleixner, Sie sind Vorsitzende des Ökume-nischen Rates der Kirchen in Österreich. Wie lesen Sie als römische Katholikin die vatikanischen Texte? Gleixner: Für mich lassen sich zwei Erfahrungen kaum miteinander verbinden: Der Papst versucht immer wieder auf positive Entwicklungen in der Ökumene hinzuweisen und das Gemeinsame hervorzuheben. Und dann kommt ein Schreiben, in dem die Glaubenskongregation das Trennende hervorhebt. Als Grundlage wird ein Gedanke des Zweiten Vatikanischen Konzils aufgegriffen, den das Konzil „auch“ gesagt hat. Der viel breitere Zusammenhang, in dem dieser eingebettet ist, bleibt jedoch unerwähnt. Unbestritten ist, dass sich erst mit der Konzilserklärung über die Ökumene die römisch-katholische Kirche offiziell in diese „Bewegung des Heiligen Geistes“ eingeklinkt hat. Und seit 1965 hat sich ein sehr intensiv und ernsthaft geführter Prozess entwickelt mit vielen klärenden Gesprächen. Doch in der nun veröffentlichten Position werden die Entwicklungen der letzten 35 Jahre nicht einmal erwähnt.