14 Kirchen machen gemeinsame Sache und laden zum Mittun ein
Ausgabe: 2000/37, Sozialwort
12.09.2000
- Hans Baumgartner
Sie 14 christlichen Kirchen in Österreich wollen ein gemeinsames Sozialwort erarbeiten. So etwas hat es – zumindest in Europa – noch nicht gegeben. Am 17. September geht das Projekt an den Start.
Mit dem Christentag am 1. Adventsonntag 1999 hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich ein deutliches Zeichen gesetzt: Das Gespräch und die Begegnung zwischen den Kirchen gehen nicht nur Theologenrunden und Kirchenführer etwas an, sondern alle Christen/innen. Und die Herausforderungen der Zeit, wie die Bekämpfung der Armut, die Bewahrung der Menschenwürde im Wettlauf der Gentechnik oder die Umweltverantwortung betreffen alle Kirchen.
Gemeinsames Zeugnis
Das am Christentag angekündigte gemeinsame Sozialwort aller 14 Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates ist ein entscheidender zweiter Schritt, um diesen Weg konkret weiterzugehen. Pfarrer Michael Chalupka, Direktor der evangelischen Diakonie, findet dafür starke Argumente: „Aus dem Evangelium ergeben sich klare Botschaften und Weisungen für das soziale Zusammenleben der Menschen. Das sind Markierungen, die alle Christen miteinander verbinden, wie etwa die Forderung zur Solidarität, die über die eigene religiöse, soziale oder nationale Gruppe hinausgeht. Gerade in der heutigen Zeit, wo auf dem lauten Markt der verschiedenen weltanschaulichen und wirtschaftlichen ,Heilslehren‘ die Kirchen an Bedeutung verlieren, ist es wichtig, dass sich die Kirchen bewusst werden, dass sie im sozialen Reden und Handeln eine gemeinsame Stimme zu finden haben.“ Natürlich gebe es unterschiedliche Ausfaltungen in der Soziallehre und in der sozialen Praxis der Kirchen, meint Chalupka. „Aber gerade dieses Projekt eines gemeinsamen Sozialwortes gibt uns die Möglichkeit, voneinander zu lernen.“ Als positives Zeichen wertet Chalupka, dass der Ökumenische Rat der Kirchen sich im letzten Jahr sehr couragiert für eine menschliche Ausländerpolitik und gegen jede Form des Rassismus engagiert hat. Erstmals haben sich im vergangenen Winter die Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates auch an der Aktion „mobiles Notquartier“ beteiligt, die von der Caritas und der Diakonie zur Beherbergung obdachloser Flüchtlinge vor drei Jahren begonnen wurde.
Auf Engagierte hinhören
Wichtig ist Chalupka, dass das Sozialwort nicht am grünen Tisch entsteht, „wo sich die Kirchenleitungen mit ein paar Experten zusammensetzen und Forderungen an die Politik und Gesellschaft formulieren. Unser Ziel ist es, dass gerade in der ersten Phase die ,Experten vor Ort‘ zu Wort kommen, die vielen sozial engagierten Leute in den kirchlichen Einrichtungen und Organisationen ebenso wie die Sozialkreise der Pfarren, die Dritte-Welt- und Umweltgruppen, die Initiativen, die sich um Haftentlassene, um Ausländer oder um Sterbende kümmern. Es geht uns um eine Standortbestimmung der sozialen Praxis der Kirchen und Christen/innen. Wir wollen damit aufzeigen, wo christliche Solidarität gelebt wird. Wir wollen uns als Kirchen aber auch kritisch hinterfragen, ob wir wirklich an den Brennpunkten der Not tätig sind, wo es weiße Flecken gibt oder ob wir in manchen Bereichen nicht Antworten auf Herausforderungen von gestern geben.“ Diese Standortbestimmung, so Pfarrer Chalupka, soll schließlich auch eine Möglichkeit sein, Wünsche und Forderungen an die Kirchenleitungen heranzutragen, gesellschaftliche Defizite aufzuzeigen und Verbesserungen im Bereich der Verwaltung und Politik einzufordern. Die Ergebnisse dieser Erhebungen sollen in einem Sozialbericht zusammengefasst und mit entsprechenden Thesen erneut zur Diskussion gestellt werden. Als dritter Schritt folgt das Sozialwort.
Es ist ein einmaliges Vorhaben: die 14 christlichen Kirchen Österreichs haben sich entschlossen, gemeinsam zu den sozialen Herausforderungen Stellung zu nehmen. Das Projekt Sozialwort soll in drei Phasen entwickelt werden: 1. Standortbestimmung – Erhebung der sozialen Praxis der Kirchen; 2. Sozialbericht – Darstellung der Vielfalt der sozialen Initiativen der Kirchen und das Aufzeigen von sozialen Brennpunkten und Defiziten in Politik und Kirchen; 3. Sozialwort – als Bündelung der Erfahrungen und Forderungen an Kirchen und Politik
Vom 17. September bis 15. Jänner findet die Erhebungsphase statt. Eingeladen dazu sind alle Initiativen, Gruppen, Sozialkreise, Werke, Einrichtungen und Organsiationen der Kirchen, die sich im sozialen Bereich, für Umwelt, Frieden und Menschenrechte einsetzen. Anhand eines Erhebungsbogens sollen sie über ihre eigene Arbeit, über Probleme und Zukunftsperspektiven sowie über ihre Erwartungen (Forderungen) an die Kirchen und an die Gesellschaft (Politik) Auskunft geben. Es geht nicht darum, wieder einmal einen Fragebogen auszufüllen, sondern darum, dass möglichst viele Christen/innen, die vor Ort soziales Engagement leben, ihre Arbeit kritisch reflektieren und mit ihren Erfahrungen und Anliegen diesen Prozess mit Leben füllen.
- Machen Sie mit und fordern Sie den Erhebungsbogen bei Ihrer Kirchenzeitung an:Linzer Kirchenzeitung, Kapuzinerstr. 84, 4020 Linz, Tel. 0732/7610-3944, Fax-DW 3939; E-Mail: kirchenzeitung.ooe@dioezese-linz.at
- Umfassende Informationen zum Sozialwort gibt es: KSÖ, Schottenring 35, 1010 Wien und auf der Hompage: www.sozialwort.at