Ausgabe: 2000/37, Sri Lanka, Olympia, fair gehandelte Produkte
12.09.2000
- Barbara Schimmelpfennig
Sujani hat nur ganz knapp das Limit zur Teilnahme in Sydney verpasst. Dass sie es so weit geschafft hat, verdankt die Sprinterin ihrer Mutter, die seit Jahren Körbchen für fair gehandelten Tee flechtet.
In der Mittagshitze steht Kusumalatha Ratnayaka unter einem schattigen Baum im Fluss und wäscht die Wäsche ihrer sechsköpfigen Familie. Die 42-Jährige erzählt von ihrer Arbeit – dem Flechten der Körbchen aus Palmblättern, in denen später fair gehandelter Biotee verpackt wird. Im Süden Sri Lankas ist das für rund 500 Frauen die einzige Möglichkeit, Geld zum Überleben der Familie zu verdienen. Doch ihre älteste Tochter ist seit einem Jahr kaum zu Hause. Denn Sujani trainiert in Colombo und gehört zu den vielversprechendsten Leichtathletinnen des Landes.Doch bis es soweit kam, war es ein weiter Weg. Vor elf Jahren starb Kusumalathas Ehemann in den Bürgerkriegsunruhen. „Ich weiß es nicht genau, aber er soll verhaftet worden sein. Er wurde verdächtigt, an Aufständen beteiligt gewesen zu sein“, erzählt sie. Als er floh, sei er erschossen worden. Sein Grab wurde nie gefunden. Mit ihren fünf Kindern stand die Witwe vor dem Nichts. Erst 1995 wurde es leichter, als das Körbchenprojekt von gepa, dem Partner für faire gehandelte Produkte in Deutschland, aufgebaut wurde. Sie konnte ihre Kinder mit dem Nötigsten versorgen und zur Schule schicken.
Mit 16: zwei Mal Gold
Sujani war in der Schule schon immer sehr sportinteressiert. Und bald lief sie in Schulwettkämpfen erfolgreich die Distanzen von 100 und 200 Metern. Und das alles ohne Schuhe. Denn das konnte sich die Familie nicht leisten. Erst ein Sportbeauftragter, der wegen ihrer Erfolge auf Sujani aufmerksam wurde, schenkte ihr das erste Paar. 1998 kam der Durchbruch mit zwei Goldmedaillen: beste Sprinterin des Landes bei den nationalen Schulwettkämpfen über 100 sowie 200 Meter. Heute trainiert die 18-Jährige auf dem Rasenplatz des nationalen Sportzentrums in der Hauptstadt Colombo. „Nach dem landesweiten Wettkampf ist das Sportministerium durch einen Zeitungsartikel auf mich aufmerksam geworden“, erinnert sie sich. „Der Verantwortliche, selbst Gewinner von Medaillen bei den Asien-Spielen, fragte mich, ob ich zum Training kommen möchte.“ Seit 18 Monaten gehört sie nun zur nationalen Juniorenauswahl Sri Lankas. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in Colombo trainieren würde“, lacht sie. „Ich wurde sogar eingeladen, den Sportplatz meiner ehemaligen Schule einzuweihen, der nun aus Mitteln des Sportministeriums erneuert wurde.“ Fünf Tage die Woche steht nun Training auf dem Programm. Wenn Sujani Zeit hat, fährt sie vor jedem Wettkampf die fünf Autobusstunden in ihr Heimatdorf, um sich von ihrer Mutter segnen zu lassen. Auch als sie noch zu Hause wohnte, konnte sie auf die Unterstützung ihrer Mutter rechnen. Kusumalatha begleitete sie zu jedem Wettkampf und ermutigte ihre Tochter, auch nach Niederlagen nicht aufzugeben.
Einen Schritt näher
Sujanis Medaillen sind in dem einfachen Steinhaus hinter Glas aufgereiht. Bis vor einem Jahr wohnte die Familie noch in einer palmblattgedeckten Hütte. Alle haben mitgeholfen, Lehmziegel für das neue Haus zu brennen. Die Dachziegel erhielt die Mutter durch einen Zuschuss des Sportministeriums. Doch trotz Sujanis Erfolgen sind die Körbchen nach wie vor die Lebensgrundlage. Den Wettkampf für die Olympia-Teilnahme hat Kusumalatha bei ihrer Nachbarin im Fernsehen verfolgt. Nach Sydney fährt ihre Tochter diesmal leider nicht. Auf dem vierten Platz ist sie ganz knapp ausgeschieden. Aber Sujanis Traum von Olympia ist einen Schritt näher gerückt.
Ein Beispiel
Leben mit dem Hungerlohn
„Den Weltklasseathleten profitieren am meisten von ausbeuterischen Arbeitsbedingungen des Sportartikelherstellers Nike“, sagt Leslie Kretzu. „Denn während die Sportler an den Olympischen Spielen teilnehmen und dafür lukrative Verträge haben, leben die Arbeiterinnen und Arbeiter unter unmenschlichen Bedingungen. Und die junge US-Amerikanerin weiß, wovon sie spricht. Fünf Wochen haben Leslie Kretzu und Jim Keady das Leben mit den Nike-Arbeitern in Tangerang (Indonesien) geteilt. Wie sie haben die beiden katholi-schen Aktivisten versucht, mit 105 Schilling pro Woche durchzukommen, denn das zahlt der offizielle Olympiasponsor im Durchschnitt für bis zu 80 Wochenstunden. Dass 15 Schilling pro Tag der 26-jährigen Kinderlosen kaum reichten, sei ihre Erfahrung: „Aber wie geht es den Eltern, die bis zum Letzten arbeiten und dennoch ihren Kindern keine Schule zahlen können?“ fragt sich Leslie.
„Die Stadt in der wir leben ist wie ein einziger großer Abwasserkanal“, vertraut sie ihrem Tagebuch an. Selbst das allzeit hörbare Nagen der Ratten verfolge Leslie bis in den Schlaf. Die Tagebücher von Leslie und Jim (nur in Englisch) und ihre Fotos dokumentieren die miserablen Lebensbedingungen der ArbeiterInnen des Konzerngiganten Nike. Beide sind unter www.nikewages.org im Internet anzutreffen.