Staunen – voll Dankbarkeit die Tiefe des Lebens erfahren
Serie: Rituale im Alltag (3)
Ausgabe: 2000/37, Dankbarkeit, Staunen
12.09.2000
- Pierre Stutz
Einen Moment die Augen schließen, um beim Öffnen das Wesentliche des Lebens bewusster wahrzunehmen – Gott ist in allen Dingen.
Ein spiritueller Mensch ist für mich ein Mensch, der all-täglich einübt wahrzunehmen, was ist. Wahrnehmen, was mich bewegt, was mich ärgert, was mir zutiefst gut tut, was mich behindert, was mich beflügelt, was mich blo-ckiert. Wahrnehmung als Grundhaltung, um darin die göttliche Spur in meinem Leben zu erahnen. In allem, was im Moment, im Hier und Jetzt an Gedanken und Gefühlen sich mir zeigt, darin liegt meine Möglichkeit zum Wachsen und Reifen.Meine Aufmerksamkeit liegt also nicht in der Frage, wie ich sein sollte, was ich alles noch tun müsste, sondern in der Achtsamkeit, das anzunehmen, was ist. Denn das, was geschehen ist, kann ich nicht mehr ändern, und was sein wird, liegt nicht in meiner Hand. Die Gegenwart ist der Ort, wo ich Gott erfahren kann als tragenden Grund.
Staunen und Entsetzen
Dies hat für mich viel mit dem Staunen zu tun. Ein spiritueller Mensch staunt jeden Tag, was ihm geschenkt ist, und freut sich daran. Im Staunen kann auch das Entsetzen liegen über all das, was zerstört wird an Menschlichkeit und ökologischer Achtsamkeit. Denn echte Spiritualität hebt nicht ab von der Realität, sondern ermöglicht mir, sie angesichts der Ewigkeit wahrzunehmen und verwandeln zu lassen. Dies gelingt, wenn ich mein ganz persönliches Leben in einem größeren Ganzen eingebettet weiß. Darum nennt Dorothee Sölle das Staunen zu Recht als erste mystische Grundhaltung, weil sie uns angeboren ist. Kinder können uns da Lehrmeister sein, um voll die Dankbarkeit, die Tiefendimension des Lebens zu erfahren. So warten wir nicht ein Leben lang auf die großen Wunder, sondern entdecken im Alltäglichen das Wunderbare, Kostbare, Einmalige. Mein Verständnis von Spiritualität ist stark geprägt durch viele Mystikerinnen und Mystiker, wie Hildegard von Bingen, Meister Eckhart, Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz. In ihrer Einladung zum Rückzug wenden sie sich nicht ab von den brennenden Fragen der Zeit, sondern sie ermutigen dazu, Gott in sich zu entdecken als lebendige Quelle, um daraus Kraft zu schöpfen für ein verantwortungsvolles Miteinander.
MystikerIn werden
Das Wort Mystik leitet sich vom griechischen „myein“ ab, was „die Augen schließen“ bedeutet. Ganz konkret bin ich stündlich eingeladen, einen Moment die Augen zu schließen, um beim Öffnen das Wesentliche des Lebens, Gott in allen Dingen, bewusster wahrzunehmen. Staunen über meine Hände, einen Regentropfen, einen Baum, eine Blüte, ein Lächeln, einen Grashalm, einen Stern. So wird mein staunender Blick zum Gebet, wie der Mystiker Thomas Merton sagt: „Ich will mich also aufmachen, damit alles, was ich berühre, sich in Gebet verwandelt. Damit die Vögel mein Gebet sind, der Himmel mein Gebet ist, der Wind in den Bäumen mein Gebet ist.“ Beten bedeutet also nicht Gott zu erreichen, sondern zu staunen, dass er längst schon da ist als verbindende Mitte. Beten bedeutet, das Leben feiern im dankbaren Staunen. Daraus wächst jene Solidarität, die uns mit allen Menschen, der Schöpfung und dem ganzen Kosmos verbindet.
Zum Innehalten
Gott Du Schöpfer allen Lebens lehre mich staunen über die alltäglichen Wunder und fördere in mir das Entsetzen über den lieblosen Umgang mit aller Kreatur sei Du aus Liebe zum Leben die Widerstandskraft in mir
Christus Du Quelle aller Beziehungen wecke in mir das Staunen über all die bestärkenden Begegnungen die erzählen wie Du jeden Menschen bewohnst und fördere in mir das Entsetzen über all die Gewalt die Menschen einander antun stehe Du aus Liebe zum Menschen auf in uns im Einsatz für die Menschenrechte
Heilender Geist berühre uns mit Deinem staunenden Blick der Kulturen zusammenführt und das Anlitz der Erde erneuert und fördere in mir das Entsetzen über all die Ausgrenzungen die uns vom Sinn des Lebens entfernen sei Du die verbindende Kraft in uns die zur phantasievollen Kreativität bewegt