Der vor hundert Jahren gestorbene Philosoph Friedrich Nietzsche verkörpert mit seinem Denken den Contrapunkt schlechthin zur Lebenshaltung Jesu. Er sieht im Willen zur Macht und in der Selbstentfaltung des Einzelnen die Triebfeder jeden Lebens: „Man fördert sein Ich stets auf Kosten des anderen … Leben lebt immer auf Unkosten anderen Lebens.“ Der Mitmensch hat in diesem Willen sich zu behaupten und sich durchzusetzen eine wichtige Rolle, aber nur in dem Maße wie er von Nutzen ist, der andere wird zum Sklaven der eigenen Interessen. Meist bleibe diese Haltung nach Nietzsche unbewusst, uneingestanden, gerade Christen würden sich mit ihrer Selbstlosigkeit anlügen: „Jedenfalls lügt man gut, wenn man liebt.“
Nietzsche bekämpfte die christliche Moral als das bisher „größte Unglück der Menschheit“, sie war in seinen Augen der „praktische Sieg einer Religion und Moral der Sklaven, der Zu-kurz-Gekommenen, der Ertrinkenden, der Blassesten der Blassen, der Missratenen, der Minderwertigen … der Ausschuss- und Abfallselemente aller Art, ein Aufstand aller am Boden Kriechenden gegen das, was Höhe hat.“ Jede Form von Mitgefühl und sozialem Handeln ist für ihn der verabscheuenswerte Ausdruck dieser Sklavenmoral. Der Übermensch, den Nietzsche propagiert, ist rücksichtslos, herrisch, stark, stolz und gesund und hat ausschließlich die Förderung seines Ichs im Sinne. Der Nationalsozialismus war eine praktische Umsetzung des Denkens Nietzsches, nur dass an die Stelle des Sich-durchsetzenden-Einzelnen, das „Volk“ trat. Heute scheint – in einer Leichtvariante – die Grundhaltung Nietzsches verbreiteter denn je. Die Konsequenz der von Nietzsche propagierten Lebenshaltung ist verheerend, sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft, er selbst ist ein Beispiel dafür. Nietzsche war ein an seiner Einsamkeit zutiefst Leidender. Er bekennt: „Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht … Ich – in Eiseskälte, bleich …“
Das Gegenmodell Jesu lautet: Du kommst zu dir, indem du dich selbst vergisst, indem du dich hingibst. Auch mein Weg beinhaltet Leiden. Aber dieses Leiden ist nichts im Vergleich zum Leiden des selbstsüchtigen „Übermenschen“; er will das Leiden vermeiden und vermehrt es doch nur, bei sich und bei anderen. Du darfst die Mitte deines Lebens nicht in dir selbst haben. Kehr um – kehr dich hin zu Gott, kehr dich hin zu deinem Mitmenschen. „In einer absurd frühen Zeit, mit sieben Jahren, wusste ich bereits, dass mich nie ein menschliches Wort erreichen würde“, so schreibt Friedrich Nietzsche in „Ecce homo“. Trotzdem ist Einsamkeit bei ihm Programm beziehungsweise logische Konsequenz.