Alltag, Probleme, Konflikte – eins gibt das andere. Sich zurücknehmen, loslassen … damit ich mich wieder auf das Leben einlassen kann.
„Du musst nur ein wenig gelassener werden!“, ist einer jener Tipps, die ich nicht gerne höre. Gut gemeinte Ratschläge können uns wie Schläge erreichen. Denn auf einem spirituellen Weg besteht die Gefahr, abzuheben, sich nicht wirklich mit der Realität auseinander zu setzen. Für mich ist ein gelassener Mensch, ein Mensch, der seinen Ärger spürt. Nur so kann er ihn auch lassen.
Engagierte Gelassenheit Jesu
Gelassenheit hat nichts zu tun mit Oberflächlichkeit und „Coolsein“. Bei Jesus entdecke ich eine engagierte Gelassenheit. Er verliert sich nicht in den brennenden Fragen, sondern schafft zuerst eine gute Distanz, um Kraft zu schöpfen. Mitten im Alltag wird Jesus mit dem Ernstfall des Glaubens konfrontiert, indem eine Ehebrecherin zu ihm geführt wird. In dieser Begegnung wird er konfrontiert mit der Zerbrechlichkeit unserer Beziehungen. Eine höchst komplexe Situation, wie wir sie oft erleben: Ein Problem ruft das andere hervor. Wie kann ich da gelassen bleiben? Jesus bückt sich und schreibt etwas in den Staub der Erde. Mein Tun, mein Einstehen bewirkt mehr, wenn ich mich zuerst sammle und in Berührung komme mit der göttlichen Quelle in mir. Ohne Distanz ist dies kaum möglich. Das tiefe Ein- und Ausatmen ist mir dabei zur Lebenshilfe geworden. Dabei wende ich mich nicht ab von der Not, sondern schaffe mir zuerst einen Raum des Auftankens, um überzeugender auftreten zu können. Jesus lässt zunächst alles andere und sammelt sich, um der Eskalation der Ereignisse nicht ausgeliefert zu sein. Danach gelingt es ihm, in wenigen Worten die verbindende Ebene zu schaffen, die den Sündenbockmechanismus entlarvt und jeden Menschen auf sich selbst zurückwirft: „Wer ohne Sünde ist, werfe als erster den Stein.“ Ein wegweisendes Erlebnis engagierter Gelassenheit … Es gehört zur Tragik von uns Menschen, dass wir in Situationen, in denen wir besonders gefordert sind, uns in die Aufgaben hineinstürzen, mit der Gefahr uns darin immer mehr zu verlieren. So werden wir immer mehr gelebt und leben zu wenig in Einklang mit uns selber, mit den anderen, mit der Schöpfung. Der hl. Franz von Sales meint humorvoll: „Nimm dir jeden Tag eine halbe Stunde Zeit zum Gebet, außer wenn du viel zu tun hast, da nimm dir eine Stunde Zeit!“
Oasen des Aufatmens nutzen
In Zeiten der Verunsicherung, der Entscheidungen, der Belastungen, der Trauer brauchen wir mehr denn je Räume, in denen wir aufatmen können. Eigentlich sind sie schon da, doch wir nutzen sie zu wenig. Darum nehme ich mir jede Woche eine Stunde Zeit für mich, um kleine Oasen in meinem Arbeitsalltag zu fördern. Mein Arbeitsweg, die Pausen, das bewusste Öffnen einer Türe kann für mich zu einem Alltagsritual werden, wenn ich die Türklinke wirklich in die Hand nehme, tief atme und mich erinnere, dass Christus „die Tür zum Leben ist“ (Joh 10, 7). So können gelassene Menschen sich auf das Leben einlassen, um es immer wieder loslassen zu können.
Bedenk-Text
In Momenten des Verletztseins wo ich die Welt nicht mehr verstehe und mich innerlich verhärte da folge ich der Spur meines Atems um darin das Geheimnis unseres Lebens und Glaubens zu entdecken: Christus der jeden Menschen bewohnt damit wir uns alltäglich zum Guten verwandeln lassen können
In Momenten des Aufschreis über all die Ungerechtigkeiten die Menschen einander zufügen können erinnere ich mich an die große jahrhundertelange Weggefährtenschaft von Frauen und Männern die hoffen in aller Hoffnungslosigkeit bewegt von Gottes Geist in uns
In Momenten der Sprachlosigkeit über die Ausbeutung und Zerstörung unserer Schöpfung spüre ich Mutter Erde unter mir mit meinen beiden Füßen Bild jenes wohlwollenden Gottes der mich trägt und sein JA zum Menschen nie mehr zurücknimmt