- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Elisabeth Breit-Naber
Neue Armut – alte Ängste– keine Arbeit, kein Zuhause, kein Geld, kein Lebenssinn. In der Frauenservicestelle der Initiative „Frauen helfen Frauen“ in Innsbruck bemerken wir ein wachsendes Ansteigen Hilfe suchender Frauen in finanziellen Nöten. Im Vorjahr haben uns 2919 Frauen aufgesucht, 40% hatten massive Geldsorgen. Die neue Armut heute hat ein anderes Gesicht: gerade noch die Miete zahlen können, keine langfristigen Wirtschaftsgüter anschaffen können, keine Ersparnisse haben (die kaputte Waschmaschine ist eine Katastrophe), schlechte oder gar keine Ausbildung haben, sich keine kulturellen Aktivitäten wie Kino oder Theater leisten können, Urlaub ist ein Fremdwort …
Die neue Armut trifft vor allem Frauen und Kinder: allein stehende Mütter, ältere Frauen ohne Pension, Mindestrentnerinnen, kinderreiche Familien (ab drei Kindern) mit nur einem Einkommen. Ebenso armutsgefährdet sind von Konsumzwang verführte Kreditschuldner. In Österreich gibt es je nach unterschiedlichem methodischem Ansatz zwischen 950.000 und 1,5 Millionen Menschen, die armutsgefährdet sind. Von dieser Armutsgefährdung sind in etwa 200.000 Kinder unter 14 Jahren betroffen. Männer verdienen durchschnittlich 30% mehr als Frauen bei gleichwertiger Arbeit. Frauen leiden weiters unter einer Vielfalt von strukturellen Benachteiligungen, verursacht z. B. von schlechten Weiterbildungsmöglichkeiten und erschwertem Wiedereinstieg nach Zeiten der Kinderbetreuung. Armutsursachen sind keine oder eine schlechte Ausbildung, Arbeitslosigkeit, teure Wohnungen. Mietrückstände, hohe Betriebskosten, Krankheit, Unfall, Scheidung, Verschuldung verursacht durch Versandkataloge, Kredite, Versicherungen, Alimente, Bürgschaften, Ratengeschäfte … Ausweglose finanzielle Schwierigkeiten veranlassen immer mehr Männer, sich von ihren Familienpflichten zu drücken: Sie verschwinden, die Exfrau mit Kindern und Schulden bleibt zurück.
Gerade heute müsste es möglich sein, die wirklich armen Menschen wirksam zu fördern. Das verstehe ich unter „sozialer Treffsicherheit“ und nicht durch radikale Kürzungen Arme noch ärmer zu machen. Sparen ist richtig und notwendig – aber am rechten Fleck! Dazu bedarf es einer einschneidenden Bewusstseinsänderung. Mit tätiger Nächstenliebe, die Jesus im Evangelium von uns fordert, mit Energie und Phantasie (Beschäftigungsinitiativen, Nachbarschaftshilfe, Hilfe im Pfarrbereich, Solidaritätsprojekte) können wir die neue Armut bekämpfen. Jesus will, dass wir soziale Verantwortung tragen und nicht, dass wir uns drücken vor der Not der/des Nächsten aus Angst um eigene Besitzstände.