Kardinal König: Perspektiven am Beginn des 3. Jahrtausends
Ausgabe: 2000/41, Kardinal König, Europa,
10.10.2000
- Walter Achleitner
Europa ist mehr als die Sorge um wirtschaftliche Einheit. Die grenzüberschreitende Verbundenheit der Christen kann die Neugestaltung des Kontinents entscheidend prägen.
Kritisch äußerte sich Kardinal Franz König beim Treffen der deutschsprachigen Kirchenpresse über die Rolle Österreichs beim europäischen Einigungsprozess. König ist nicht überzeugt, dass Österreich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs seine Chance genützt hat, im Westen um Verständnis für den Osten zu werben. „Die Rückkehr nach Europa ist ein schmerzlicher und langwieriger Prozess. Und dies fordert vom Westen ein besonderes Maß an Solidarität. Österreich ist hier im Herzen Europas besonders herausgefordert und sollte seine Brückenfunktion mehr als bisher erkennen.“ Erst Ende September, so König, habe der ungarische Bischof Erdö darauf aufmerksam gemacht, dass man sich in der Zeit des Kommunismus in seiner Heimat wohl bewusst war, Europäer zweiter Klasse zu sein. Schmerzlich sei aber, dass solche Überlegungen nach wie vor im westlichen Europa Gültigkeit zu haben scheinen. Und König zitiert auch den Erzbischof von Gnesen, Muszynski, der meint: „Wir haben erwartet, dass man mit uns Polen darüber spricht, wie wir in die europäische Gemeinschaft zurückkehren können, und nicht, ob wir überhaupt das Recht hätten, uns dieser Gemeinschaft anzuschließen, aus der wir stammen.“ König ergänzte: „Es ist merkwürdig, wenn das westliche Europa sich so gebärdet, als ob es allein Herr über Europa und eine europäische Gemeinschaft sei. Und ob der Vertrag von Schengen für unsere östlichen Nachbarn ermutigend und anspornend ist, möchte ich offen lassen. Bei allem Verständnis für den Schutz der Grenzen darf das westliche Europa nicht den Eindruck erwecken, vor allem eine Festung zu sein.“
Vom Atlantik bis zum Ural
Der Eiserne Vorhang habe den Europa-Gedanken im Osten nicht zerstört, sondern besonders bewusst gemacht. König folgert daraus: „Es gibt sehr wohl eine östliche und eine westliche Tradition auf dem europäischen Kontinent. Diese beiden widersprechen sich aber nicht, sondern sie sollen sich verbinden, wie zwei Lungen in dem einen Körper. Aus diesem Grund ist es nicht angezeigt, nur von Osterweiterung zu sprechen, sondern von der ,Europäisierung‘ des Kontinents.“
„Europa ist mehr als die Sorge um eine wirtschaftliche und politische Einheit“, so König. „Die Zukunft aber hat die Vielfalt der Völker, Sprachen, Kulturen und Religionen in ihrer kontinentalen Verbundenheit zu berücksichtigen.“ Seine These dorthin lautet: Der Weg nach Europa führt über Mitteleuropa. Die grenzüberschreitende Verbundenheit der Christen ist dabei gegen ein nationales Denken – und den damit verbundenen Spannungen – gerichtet. Nach der „sanften Revolution“ im Osten habe der Historiker Timothy C. Ash gemeint: „Die eigentliche Trennlinie zwischen den beiden Teilen Europas verlaufe im Grunde zwischen jenen, die Europa haben, und jenen, die an Europa glauben.” – Ein Gegensatz, so König, „der bis heute noch nicht überwunden ist“. Unmittelbar nach der Wende sei von der „Rückkehr nach Europa vom Atlantik bis zum Ural“ gesprochen worden. Sie wurde als eine Rückkehr der Sehnsucht verstanden. Wirtschaftliche und politische Fragen spielten kaum eine Rolle.
Christen gestalten Zukunft
„Nach Europa zurückkehren musste aber auch heißen, das verschüttete christliche Antlitz dieses Kontinentes wieder zu entdecken.“ Heute sei es Aufgabe der Christen, nicht nur die Vergangenheit zu verwalten, sondern die Zukunft gemeinsam mitzugestalten. „Hier setzt das Interesse der Christen im ökumenischen wie im interreligiösen Sinne für ein gemeinsames Europa an.“ Denn das im Verlauf der europäischen Geschichte gespaltene Christentum werde in Zukunft auf kontinentaler Ebene nur ökumenisch in Erscheinung treten. Dabei gelte es, so der Kardinal, auch das wahrzunehmen, was das östliche Christentum dem Kontinent im Laufe der Zeit geschenkt hat. „Die christliche Botschaft, in Verbindung mit der Gottesfrage, wurde Fundament des europäischen Weges. Und diese christliche Botschaft wird auch am Beginn des neuen Millenniums unverzichtbar sein.“
Westeuropa kann nicht durch Geld und wirtschaftliche Dominanz allein den Weg Europas bestimmen“, sagte Kardinal Franz König beim Jubiläum der Kooperationsredaktion. „Wenn daher in Westeuropa die Finanzminister allein die Bedingungen für die Aufnahme vorschreiben, so kann das eine tiefe Enttäuschung und Abkehr Osteuropas von Europa fördern.“ In Österreich sollte man mehr als anderswo die Spannungen zwischen Ost und West erkennen und sich auch auf die Suche nach Wegen der Verständigung machen.
FOLGEN:
Nur über Mitteleuropa:
- Seit der Zeit der Habsburgermonarchie besteht in Mitteleuropa immer noch ein Gefühl gegenseitiger Verbundenheit, über geschichtliche Ereignisse hinweg. Österreich hat die Aufgabe, alte Brücken wieder aufzubauen.
- Mit dem Blick auf die Zukunft ist es notwendig, in der Jugend das Interesse an slawischen Sprachen zu fördern.
- Es ist beschämend, dass der Weg nach Europa in erster Linie von den Finanzen abzuhängen scheint. Mehr Großmut und die Bereitschaft zu direkter und moralischer Unterstützung sind das Gebot der Stunde.
- Die christlichen Kirchen als lebendige, grenzüberschreitende Gemeinschaft können durch ökumenische Arbeit Brücken für das größere Europa bauen.
- An Österreichs Grenze begegnen sich Christen verschiedener Konfessionen und Sprachen – germanische, slawische und romanische. Dies ist ein kultureller Reichtum, der im Westen Europas nicht ausreichend gesehen wird.