Fehlende Wertschätzung ist leider in vielen Beziehungen ein Problem
Ausgabe: 2000/41, Wertschätzung, Ehe
10.10.2000
- Maria Haunschmidt
„Mein Mann hat kein liebes Wort, keine Anerkennung, kein Geld für mich, nur böse Worte und Spott“ – so der Tenor eines verzweifelten Briefes einer Frau an die Kirchenzeitung mit der rührenden Bitte ihm die Leviten zu lesen.
Die Leiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Diözese Linz, Monika Kornfehl, kennt solch persönliche Not aus der Praxis der Beratung. Fehlende Wertschätzung in Beziehungen betrifft fast die Hälfte der Beratungsfälle – nicht immer so extrem wie im geschilderten Fall. Die Beraterin erlebt auch Frauen, die ihren Männern nichts schuldig bleiben, zumindest verbal. Wie kann es so weit kommen? Welche Chance hat eine solche Beziehung? Gibt es Warnsignale? Die Erfahrung der Eheberaterin: „Viele jüngere Menschen lassen es gar nicht so weit kommen. Sie haben höhere Erwartungen an eine Partnerschaft und legen Wert auf die ,Pflege der Liebe’ mit Wertschätzung und Anerkennung, die der Nährboden der Liebe sind. Wenn man nichts tut, geht es bergab!“ Besonders Frauen seien heute hellhöriger. Die gesellschaftlich geänderten Bedingungen mit zunehmender Berufs-tätigkeit und Unabhängigkeit haben hier einen Wandel herbeigeführt. Allerdings gibt es sie noch, die alteingefahrenen Rollenbilder und Muster, die Generationen geprägt haben. Im Extremfall – wie geschildert – werden Frauen von ihren Männern als Dienende, als „Besitz“ angesehen. Solche Männer – Monika Kornfehl zählt sie zur „aussterbenden Spezies“ – haben nicht gelernt, positive Gefühle zu zeigen, und sie kennen auch kein Unrechtsbewusstsein im Verhalten ihren Frauen gegenüber.
Drum prüfe, wer sich bindet
Die Kehrseite der Medaille ist die Dulderin, die in gewisser Weise (lange) mitspielt, manchmal auch das Mitleid ihrer Umgebung genießt. Je länger die Verhaltensmuster andauern, umso schwieriger ist es, den Teufelskreis zu durchbrechen. Oft hält die Fassade nach außen davon ab, etwas zu verändern, zum Beispiel eine Beratung in Anspruch zu nehmen.Blauäugig in eine Beziehung zu gehen, kann auch heute schlimme Folgen haben. Es sei ein Trugschluss zu meinen: „Das bringe ich ihm schon noch bei!“ Diese Rechnung geht nicht auf. Aus Sparsamkeit entwickelt sich oft Geiz, aus unfeinem Verhalten Grobheit, aus Egoismus Ignoranz. Anstatt eines partnerschaftlichen, konstruktiven Miteinanders wird eine solche Verbindung immer mehr zum Nebeneinander oder Gegeneinander, ja zum Desaster. „Nicht zu schimpfen ist auch schon gelobt!“, erinnert sich Frau Kornfehl an die Aussage eines Mannes, dem niemals ein liebes Wort für seine Frau über die Lippen kommen würde. Als einen solchen Mann schätzt sie auch den Ehemann der Briefschreiberin ein. Sie sieht wenig Hoffnung, dass er sich mit seinen 58 Jahren noch ändert. Wie soll man ihn dazu bringen, seine Frau immer wieder spüren zu lassen: Schön, dass es dich gibt!? Der in diesem Rahmen verkürzte Rat an die Briefschreiberin: Selber einen Lebensinhalt suchen, schöne Stunden für sich schaffen, z. B. in einer Frauenrunde, durch gelegentliche Ausflüge, einen Besuch; ev. allein eine Beratung aufsuchen.
Splitter aus dem Brief einer Leserin
Ich habe meinem Mann noch nie genug arbeiten können und noch nie war und ist etwas recht ... nie ein Dankeschön oder nur eine kleine Anerkennung, eigentlich das Gegenteil, nur Fluch, Schimpferei und Kritisiererei, und dann der große Kampf ums Geld. Wenn ich krank bin, lacht und spottet er mich nur aus, da vergeht einem ja das ganze Gefühl von Liebe und Vertrauen zu einem solchen Ehemann.