Jeder Tag eine Möglichkeit für Dankbarkeit und Anerkennung
Serie: Rituale im Alltag
Ausgabe: 2000/42, Dankbarkeit, Anerkennung
17.10.2000
- Pierre Stutz
Das Leben, wo manchmal die großen Worte fehlen, und wo ein „Danke, dass du da bist!“ verwandelt, Wunder bewirkt.
Ich bin mit meinen Patenkindern unterwegs. Ich versuche langsam zu gehen. Doch für die fünfjährige Milena bin ich immer noch zu schnell. Als ich sie dann energisch an der Hand nehme, damit wir den Zug nicht verpassen, reißt sie sich los. Sie dreht sich um und sagt: „Auf Wiedersehen, Bächlein! Danke, Schmetterling! Tschüs, Bäumchen!“Kalt läuft es mir den Rücken hinunter. Was habe ich nicht schon von schöpfungszentrierter Spiritualität geredet und geschrieben. Doch es wäre mir nicht im Traum in den Sinn gekommen, dem Baum, dem Schmetterling und dem Bach zu danken für die Begegnung.
Wesentliches ist geschenkt
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, schreibt Martin Buber. Das Wesentliche im Leben ist ein Geschenk. Darum sind wir eingeladen, jeden Tag für den Geschenkcharakter des Lebens zu danken. Beim Beten des Psalmes 107 berühren mich immer wieder die Worte: „Wir danken Dir, Gott, für Dein wunderbares Tun an den Menschen.“ Zugleich ist in diesem Psalm vom Umherirren, von Ängsten, von Dunkelheit und Verzweiflung die Rede. Trotzdem gibt es jeden Tag eine Möglichkeit zu danken. Darum ist ein spiritueller Mensch ein höchst politischer Mensch. Denn das Wort „polis“ bedeutet „Stadt“; alle braucht es, um für das Gemeinwohl zu sorgen. Leider reagieren wir oft „nur“, wenn etwas nicht geht.
Was ein kleines Wort bewirkt
Danken als Lebensgrundhaltung bedeutet, Leserbriefe schreiben, um den Menschen, die besondere Verantwortung tragen in Gesellschaft und Kirche, öffentlich zu danken. Wir brauchen Brot und Rosen in unserem Leben. Seit Jahren verschicke ich mindestens eine Postkarte wöchentlich, auf die ich ganz wenige Worte schreibe: „Danke für die Begegnung!“ – „Danke für dein Mitsein!“ Ich staune selber, wie groß die Wirkung sein kann. Da zeigt sich die Kraft der Rituale.
Stell dich in die Mitte
In den Heilungsgeschichten fällt mir auf, wie Jesus den Menschen zumutet, sich in die Mitte zu stellen. Dadurch weckt er in ihnen die heilende Kraft. Denn in uns Menschen leben drei Urwünsche, ohne die wir nicht leben können: der Wunsch nach Anerkennung, Ansehen, Aufmerksamkeit, weiters der Wunsch nach Verwandlung zum Guten und schließlich der Wunsch nach Verwurzelung, Beheimatung. Wir brauchen eine Anerkennungskultur, in der wir einander Echos geben auf unser Tun. Danken können ist zutiefst menschlich. Eucharistiefeiern heißt Danken für das Leben. Das Leben, wo Freud und Leid manchmal so nahe beieinander sind. Das Leben, wo uns manchmal die großen Worte fehlen und wo ein „Danke, dass du da bist!“ verwandelt, Wunder bewirkt. Beim Umarmen eines Baumes danke ich Gott für die Schöpfung. Beim Umarmen eines Menschen erahne ich, wie Christus tiefster Grund aller Zuwendung ist. Am Abend das Einschlafen zum Gebet werden lassen mit den wenigen Worten: „Danke, Gott für das Leben.“