Die serbisch-orthodoxe Kirche hat seit einem Menschengedenken keine so tiefe Genugtuung mehr erfahren wie jetzt beim friedlichen Machtwechsel in Belgrad.
Ihren stillen Triumph kann die serbisch-orthodoxe Kirche aus zwei Gründen auskosten: Der Lauf der Ereignisse bestätigt sie in ihrem politischen Kurs, den sie – trotz anfänglicher Verirrungen in den verheerenden Kriegen – seither eingeschlagen hatte. Zweitens fand sie im neuen Präsidenten ihren Idealpartner. Sofort nach Kostunicas Wahlsieg begrüßte der Hl. Synod den „gewählten Präsidenten Jugoslawiens“. Als praktizierendes Kirchenmitglied suchte Kostunica seinerseits noch am selben Abend den Patriarchen auf und erbat dessen geistlichen Beistand. Jubelnd nannte ein bischöfliches Mitglied des Hl. Synods Kostunica den „ersten gläubigen Präsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg“. Der trotz seines gebrechlichen Alters um Jahre verjüngt scheinende Pavle schlüpfte in die neue staatstragende Rolle, die man ihm angetragen hatte, und appellierte an Armee und Polizei, die Interessen des Volkes und des Staates, nicht aber die „einer Einzelperson“ (sprich von Milosevic) zu schützen. Nur so könnten Militär und Polizei „vor dem Volk und der ganzen Welt ihr Gesicht wahren“. Am Abend des Volksaufstandes vom 5. Oktober wiederholte Pavle seinen Aufruf an alle, „Unruhen und Blutvergießen unter Brüdern zu vermeiden“. Als sich die Wogen des Volkszorns glätteten und Milosevic keine Anstalten für einen Gegenputsch zu treffen schien, feierte der Patriarch vor der St.-Sava-Kathedrale in Belgrad einen Gottesdienst für die „Heilung und Versöhnung des serbischen Volkes“, an dem über 100.000 Menschen teilnahmen.
Prodi umwirbt Pavle
Wie hoch die Autorität der Kirche inzwischen im Kurs steht, belegt Pavles Terminkalender. Russlands Außenminister Iwanow machte ihm seine Aufwartung, unmittelbar nachdem er Diktator Milosevic in Belgrad zum Rücktritt aufgefordert hatte. Selbst die Armee revanchierte sich für seine vermittelnde Rolle und veröffentlichte sein Dankschreiben an den Generalstabschef. Darin dankte Pavle für das Verhalten der Streitkräfte während des Aufstandes: Sie hätten den Volkswillen geachtet und seien an der Seite des Volkes geblieben. Vollends ins Rampenlicht geriet das serbische Kirchenoberhaupt am 11. Oktober in Wien. Kardinal Christoph Schönborn hatte seine Beziehungen zu „Römern“ und Orthodoxen ins Spiel gebracht und arrangierte ein Zusammentreffen des italienischen Präsidenten der EU-Kommission, Romano Prodi, mit Patriarch Pavle. „Europa und Serbien finden heute nach einer langen schmerzhaften Trennung wieder zueinander“, sagte Prodi nach dem dreistündigen Gespräch. Es handle sich um einen „neuen Schritt im Dialog zwischen der EU und der serbischen Gesellschaft“. Den idealen Vertreter dieser Gesellschaft scheint der Europapolitiker demnach in der serbischen Kirche zu erblicken.
Namens der EU-Kommission sprach Prodi „Seiner Heiligkeit Patriarch Pavle und der von ihm geleiteten orthodoxen Kirche Dank aus für sein Wirken als moralische und zivile Autorität in diesen schwierigen Jahren, für sein Glaubenszeugnis, für seine beharrliche Verurteilung der Tyrannei und seine unablässige Forderung nach Rückkehr zur Freiheit“. Pavle solle, so Prodi, „diese Rolle nach Möglichkeit verstärkt weiterspielen, damit die orthodoxe Kirche den Demokratisierungsprozess auch künftig mitgestalten kann“. Der EU-Kommissionspräsident dankte „für diese Zusammenkunft als Ausdruck der Rolle, die die Orthodoxie beim Aufbau Europas spielen kann“.
Aufwertung
An dieser neuerlichen Aufwertung hat die serbische Kirche Jahre gearbeitet bis zur Generalprobe im Sommer 1999: Nach dem Desaster des von Milosevic angezettelten Kosovo-Krieges hatte die Kirche zu ihrer Hochform gefunden: Unter ihrer Schirmherrschaft war der Plan für eine Übergangsregierung aus Fachleuten ins Leben gerufen worden. Zwar war der Sieg der Opposition an ihrer eigenen Zersplitterung gescheitert. Doch die serbische Kirche leistete unverdrossen Vorarbeit für den heutigen Triumph. Gegen den Widerstand der eigenen radikal-nationalistischen Fraktion unter den Serben war es vor allem Bischof Artemije Radosavljevic, der mit seinem liberalen Kurs die Bewahrung des Kosovo fest an der Leine hielt. Den Parlamenten und Regierungen von Washington bis Moskau trug er unermüdlich sein ausgewogenes Mitbestimmungsmodell für die Volksgruppen im Kosovo vor. Nun hat die serbische Kirche in Kostunica einen Bündnispartner gleicher Färbung gefunden.
Oktoberrevolution
Auch Kostunica hat einige schwarze Flecken auf seiner nationalen Weste – ähnlich wie die Kirche: Beide hatten 1995, als Milosevic einen Schwenk fort von seinem Bosniendesaster vollzog, auf die Sirenenklänge eines Radovan Karadzic gesetzt, der heute als Kriegsverbrecher gesucht wird. Die bitteren Erfahrungen haben Kirche wie Opposition eines Besseren belehrt. Sollte sich Patriarch Pavle mit seinem Schlingerkurs, der auch der Kirche einen Großteil Schuld an der Aufheizung der nationalen Leidenschaften aufgeladen hat, dennoch als der bessere Diplomat erwiesen haben? Dann hätte die serbische Orthodoxie nach langen Jahren der Entmündigung heute ein Anrecht auf ein moralisches Mandat des Volkes. Vielleicht ist es dennoch zu früh, von einer „serbischen Oktoberrevolution“ zu schwärmen. Anne Herbst/Institut G2W, Zürich