1999 haben alleine katholische Organisationen eine Milliarde Schilling für Entwicklungshilfe aufgebracht. Was sich in Österreichs Kirchen an Dritte-Welt-Arbeit sonst noch tut, ist allerdings nahezu unbekannt.
Es sei eine kleine Sensation, meint Johann Gattringer, was die katholischen Entwicklungsorganisationen im vergangenen Jahr geschafft haben: Mehr als eine Milliarde Schilling konnten 1999 für Projekte in der „Dritten Welt“, aber auch für Bildungsarbeit in Österreich (48,75 Mill.) aufgebracht werden. Werden die Gelder der Bundesregierung und aus Brüssel (68,6 Mill.) hinzugezählt, so waren es 1,3 Milliarden, die für kirchliche Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung standen.
Hohe Dunkelziffer
Ernst Gattringer, er leitet die Koordinierungsstelle für Entwicklungshilfe der katholischen Kirche in Österreich, ist jedoch überzeugt, dass es noch viel mehr Geld war, das 1999 in den Süden geflossen ist. „Es gibt viele kleine Initiativen und Selbstbesteuerungsgruppen, die ihren Beitrag leisten und von dem wir nie etwas erfahren.“ Er setzt deshalb auf das Projekt „Sozialwort“ der Kirchen in Österreich. Denn in einer ersten Erhebungsphase sind alle Gruppen und Initiativen aufgerufen, ihre Erfahrungen aus der Sozialarbeit einzubringen. „Engagement für die Ärmsten der Armen zählt für mich dazu“, meint Johann Gattringer.
Ein Netzwerk bilden
Doch selbst auf diözesaner Ebene ist es schwierig, einen Überblick über das Dritte-Welt-Engagement zu bewahren, bestätigt Alfred Mayr vom Arbeitskreis Weltkirche und Entwicklungsförderung (Wekef) in Linz. Mit über 60 Gruppen arbeite er regelmäßig zusammen. Mayr schätzt aber, dass es bis zu 120 Gruppen in der Diözese gibt. Nicht viel anders ist die Situation in Innsbruck. Werner Mühlböck, Leiter des diözesanen Welthauses: „Wie viele Gruppen, Eine-Welt-Initiativen und Selbstbesteuerungsgruppen es in Tirol gibt, ist eine Frage, deren Antwort ich immer wieder hinterher bin.“ Denn erst vor kurzem habe die Kirchenzeitung aufgezeigt, wie viel in Tirol für Burkina Faso (Westafrika) getan wird. Doch vieles geschehe im Verborgenen. Es sei an der Zeit, aus den einzelnen Kontakten ein Netz zu knüpfen. „Die Erhebungsphase zum Sozialwort kann uns dabei helfen.“
Sammeln: erst auf Platz 3
Ein Befund, den auch die Engagierten teilen. Denn in der Studie „Handeln in der Weltgesellschaft: Christliche Dritte-Welt-Gruppen“, die 1996 von der deutschen Bischofskonferenz ver- öffentlicht wurde, wünscht sich jede zweite „Dritte Welt“-Gruppen von der Kirche eine bessere Betreuung (siehe Grafik). An zweiter Stelle rangiert der Ruf nach einer kritischen Lobbyarbeit der Kirche zu „Dritte Welt“-Fragen. Unerwartetes brachte die Studie auch zur Frage der Aktionsformen hervor. Denn eine ausgeprägte Spendenmentalität, wie es das Rekordergebnis in Österreich vermuten lässt, wurde nicht festgestellt. Vielmehr stehen auf Platz eins Informationsveranstaltungen, gefolgt von der Gestaltung von Gottesdiensten. Spendenaufrufe, auf Platz drei, sind fast gleichauf mit dem Verkauf fair gehandelter Produkte. Drei von zehn Gruppen sammeln Unterschriften, und immerhin jede vierte sucht das Gespräch mit politischen Entscheidungsträgern.
Stichwort:
Oikokredit
Basisinitiativen in Afrika, Asien oder Lateinamerika fehlt oft das Geld für Entwicklungsprojekte, weil sie den Banken nicht kreditwürdig erscheinen. Um die Gruppen und Genossenschaften dennoch zu ermöglichen, gründete der Weltkirchenrat vor 25 Jahren die „Ökumenische Entwicklungsgenossenschaft“ (EDCS), die seit 1. Jänner 2000 den Namen „Oikokredit“ trägt. Gegenwärtig sind es rund 1,8 Milliarden Schilling, die weltweit Gläubiger aus dem Norden Menschen im Süden fast zinsenlos zur Verfügung stellen. Die Initiative zum österreichischen Förderkreis ist 1990 von evangelischen Christen ausgegangen, dem sich seither über 300 Personen aus verschiedenen Kirchen angeschlossen haben. 1999 betrug die Summe der aufgebrachten Gelder 22 Millionen Schilling. „Vor allem evangelische Pfarrgemeinden stellen uns einen Teil ihrer Rücklagen zur Verfügung“, meint der Vorsitzende von Oikokredit-Austria, Gerhard Bittner. Infos: Oikokredit-Austria, Berggasse 7, 1090 Wien, Tel.: 01/317 40 30.
Projekt:
Entschuldung 96 – Jubiläum 2000
„Gemeinsam die Schuldenschraube lockern“ hieß das Motto der „Initiative 96 – Entschuldung“, die von Jänner bis Oktober 1996 eine Informations- und Unterschriftenkampagne in ganz Österreich organisierte. Ihr Ziel waren österreichische Entschuldungsmaßnahmen für die ärmsten, hoch verschuldeten Länder. Als Träger der Aktion traten von Anfang an katholische und evangelische Kirche gemeinsam auf. Auch wenn das erste Ergebnis, 56.000 Unterschriften, hinter den Erwartungen zurückblieb, so zählt das Thema heute zum Kern kirchlicher „Dritte Welt“-Arbeit. Dank der Initiative war die Forderung nach internationalem Schuldenerlass auch ein Thema der Europäischen Ökumenischen Versammlung 1997 in Graz. Seit Jahren arbeitet die österreichische Initiative mit im weltweiten Netz „Jubiläum 2000“. Wenn das Jubeljahr bald zu Ende geht, so hofft Martina Neuwirth, die Österreich-Koordinatorin, dass diese Lobbyarbeit für die Ärmsten weitergeht, auch mit den nötigen finanziellen Mitteln durch die Kirchen.