1. Kirchen-Messe in Österreich: Darf man Religion vermarkten?
Ausgabe: 2000/43, Religion, Kirchen-Messe,
24.10.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Eine Grenzüberschreitung zwischen Religion und Wirtschaft, das war mit der Kirchen-Fachmesse „Gloria“ in Dornbirn angesagt. Eine Vermengung von Religion und Kommerz?
Gilt es, so wie Jesus die Händler aus dem Tempel zu vertreiben, oder so wie Paulus das Religiöse auf den Marktplatz des Athen von heute zu tragen? In diesem Spannungsfeld bewegte sich die 1. Kirchen-Fachmesse Österreichs. Die Dornbirner Messe Gesellschaft habe damit Mut und Instinkt bewiesen, welche Themen in den nächsten Jahren die Menschen bewegen werden, meinte Landeshauptmann Herbert Sausgruber. Kirche steht heute in Konkurrenz mit den unterschiedlichsten weltanschaulichen Anbietern, so der Freiburger Religionssoziologe Michael Ebertz in der Diskussion „Die Religion zu Markte tragen?“. Sie hat nicht mehr wie einst das Monopol für Sinnstiftung. Darum müsse Verkündigung heute auch an neuen Orten passieren. Die Messe ist für ihn einer von vielen. Sich darauf einlassen, ohne dass die Wahrheit zur Ware wird, lautet seine Devise. Auch Bischof Klaus Küng pflichtet ihm durchaus bei: „Wir Christen sind aufgefordert, hinauszugehen, nicht nur auf den Marktplatz, auch in die Häuser und Stuben. Wir sind in die Welt gesandt.“Dass die Kirchen dennoch auch auf der Messe weitgehend „unter sich“ blieben, störte den pensionierten evangelischen Pfarrer Hans Jaquemar aus Bregenz. Er hätte sich durchaus den Wettstreit auf dem „säkularen“ Markt einer Messe gewünscht. Diese Konkurrenz mit anderen religiösen Anbietern ist auch für Ebertz unausweichlich. Die Kirche darf jedoch nicht zu einem Stand auf einer Esoterikmesse verkommen. Ebertz: „Denn die Kirchen müssen sich auch auf neue Wege besinnen. Sie sind ein kleiner, an den Rand gedrängter Teil der Gesellschaft und müssen gerade darum erst recht die Frohe Botschaft von einem menschenfreundlichen Gott verkünden.“
Von der Liedanzeige bis zum Grabstein
Die Initiative der Dornbirner Messe Gesellschaft führte für drei Tage auf über 8.000 Quadratmetern in fünf Hallen eine bunte Vielfalt von 150 Ausstellern unterschiedlichsten „Kirchenbedarfs“ zusammen – von der Liedanzeige bis Reinigungsmittel und von Devotionalien, Kerzen, Kelchen, Glocken bis zum Grabstein. Gleichzeitig zeigten zwei Dutzend katholische Einrichtungen und Gruppen unterschiedlichster Schattierungen wie auch andere (staatliche anerkannte) Kirchen, was sie für die Menschen von heute zu bieten haben. Dank der professionellen Vermarktung durch die Dornbirner Messe-Gesellschaft erscheint die „Gloria“ 2001 bereits heute gesichert.
Gedanken:
Die Kirche und die Midlife-Crisis
Als die Kirche noch jung war, da war sie wie ein Mädchen: lustig, ein bisschen verrückt, schwärmerisch, verliebt, leicht zu begeistern, unvernünftig. Vielleicht so etwas wie ein „irrer“ Teenager, aber mit einem sicheren Instinkt und einem feinen Gefühl für das Echte, die Wahrheit und das Leben. Als die Kirche jung war, da hatte sie keine „Ordnung“; da hatte sie weder einen Herren noch mehrere, sondern einen liebevollen, faszinierenden Freund: Jesus, den Rabbi aus Nazareth. Als die Kirche jung war, war sie so ansteckend in ihrer Art, dass sie alle Autoritäten in Schrecken versetzte.Und dann ist die Kirche eine „Kirche“ geworden, also das, was heute noch immer viele Menschen für eine „Kirche“ halten; dann ist sie so geworden, wie viele eben glauben, dass eine Kirche sein muss. Dann ist die Kirche sozusagen in die Midlife-Crisis geraten. Aus dem fröhlichen Mädchen ist eine ängstliche Mutter geworden. Und sie hat die Angst entdeckt, die Sorge und die Kollaboration. Sie hat sich weiter an der Bibel erbaut, schöne Feste erfunden, natürlich von Jesus geschwärmt und sich dann klug wie Pilatus verhalten.
Und dann ist die Kirche eine alte Dame geworden mit immerhin 2000 Jahren. Ein Pessimist würde jetzt wohl annehmen, dass sich „die Seniorin“ Kirche nun endgültig zur Ruhe setzen würde. Doch beglückenderweise ist das Gegenteil der Fall. Denn die Kirche hat die Ideale ihrer Jugend wiederentdeckt. Der Heilige Geist ist ihr sozusagen in die alten Knochen gefahren, und sie ist wieder jung geworden. Sie hat wieder einen sicheren Instinkt für das Echte, die Wahrheit, das Leben bekommen. Sie ist wieder unkomplizierter geworden, mutiger, voller Visionen und nie gehörter prophetischer Eingebungen.Peter Karner, ev. Landessuperintendent H. B. zur „Gloria“-Eröffnung