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Ein großer Lackel unter kleinen Kickern

Der behinderte Mario fühlt sich in der Jungschargruppe zuhause
Ausgabe: 2000/43, Behinderte, Sozialwort,
24.10.2000
- Hans Baumgartner
Kinder mit Behinderung haben dieselben Freizeitwünsche wie andere Buben und Mädchen auch. Oft fehlt ihnen dazu aber die Möglichkeit.

„Für Mario ist es schon eine tolle Sache, wenn er bei einem Kinderfußballturnier ganz selbstverständlich mitkicken darf. Und es stört auch niemand, dass der ,große Lackel‘ bei den Kleinen mitspielt“, erzählt Maria Brandl. Die Jungschar ist für ihren durch eine Geburtskomplikation mehrfach behinderten Sohn zur zweiten Familie geworden. „Er ist dort akzeptiert wie jedes andere Kind und macht bei Dingen mit, wo ich mich nie zu fragen getraut hätte, ob er da mittun oder dort dabeisein könnte.“ Maria Brandl, die sich im Rahmen von „integration:Österreich“ für eine nicht aussondernde Erziehung Behinderter einsetzt, weiß, dass Mario die Ausnahme ist. „Für die meisten behinderten Kinder und Jugendlichen gibt es kaum Möglichkeiten, gemeinsam mit nicht behinderten Altersgenossen die Freizeit zu verbringen oder gar bei einer Gruppe mitzumachen. Ich kenne Mütter, die selber Jugendclubs oder Discos organisieren, damit ihre behinderten Kinder sich mit anderen Jugendlichen treffen können.“ In ihrem Dorf, wo man einander kennt und voneinander weiß, war es ganz natürlich, dass auch Mario zur Jungschar eingeladen wurde. „Eine Rolle spielte dabei auch, dass eine ältere Gruppenleiterin da war, die mich kannte und sich auch zutraute, ein behindertes Kind in der Gruppe zu haben. Wirklich toll fand ich“, so Maria Brandl, „wie sehr es den anderen Kindern wichtig war, dass Mario dazugehört. Als er noch sehr bewegungsbehindert war und im Rollstuhl saß, haben sie ihn immer zur Gruppenstunde geholt.“

Einladung zum Mitmachen

Die Innsbrucker Jungschar-Gruppenleiterin Angelika Tausch findet es wichtig, dass sich Kinder- und Jugendorganisationen bewusster für die Integration Behinderter öffnen. „Damit ermöglichen wir diesen Kindern ein Stück Mittun und Entfaltung, wo sie ohnedies oft genug erleben, dass sie nicht wie andere mitmachen können.“ Die Kindergärtnerin sagt aber auch offen: „Ich kenne von meinem Beruf her integratives Arbeiten und traue mir daher das zu. Viele Gruppenleiter haben da aber keinerlei Vorbereitung.“Seit einem Jahr hat Angelika Tausch ein behindertes Mädchen in ihrer Gruppe. „Sie kennt mich aus der Pfarre, wo sie regelmäßig ministriert. Und sie hat im Laufe der Zeit zu mir Vertrauen gefasst. Vor zwei Jahren fragte sie mich, ob sie zur Jungscharstunde kommen darf. Es dauerte es dann ein Jahr, bis sie sich entschloss, zu kommen. Die ersten drei, vier Heimstunden saß sie meist abseits und reagierte kaum auf die Aufforderung der anderen, nun endlich mitzumachen. Wenn wir jetzt etwas Neues machen und sie skeptisch abwartet, wird sie meist von den anderen bald mitgezogen. Sie ist in der Gruppe voll akzeptiert, so wie sie ist – und ihre Behinderung ist für die anderen Mädchen auch gar kein Thema“, meint Angelika Tausch. Seit Herbst hat sie ein zweites behindertes Mädchen in der Gruppe. Es hatte sich herumgesprochen …




Sozialwort:


Die Arbeit mit Behinderten und für Behinderte nimmt innerhalb der sozialen Dienste der Kirchen einen bedeutenden Platz ein. Einrichtungen der evangelischen Diakonie (Gallneukirchen u. a.), der Caritas und verschiedener Ordensgemeinschaften leisten einen erheblichen und oft beispielhaften Beitrag zur Behindertenarbeit in Österreich. Viele dieser Einrichtungen standen in den vergangenen Jahren vor der Notwendigkeit, ihre Arbeit neu zu orientieren. Das wachsende Bewusstsein für Integration, die Menschen mit Handikap ein weitgehend selbstverantwortetes Leben ermöglichen soll, hat nicht nur die Arbeit von Behinderteneinrichtungen verändert. Sie stellen die Gesellschaft, aber auch die Kirchen vor neue Herausforderungen.

Die Erhebungsphase zum Sozialwort der Kirchen bietet nicht nur Behinderteneinrichtungen, sondern auch den zahlreichen Elterninitiativen und Gruppen, die sich um Integration bemühen, die einmalige Chance, ihre Arbeit darzustellen und ihre Probleme auf den Tisch zu legen. Integration ist weder im Bereich der Schulbildung noch auf dem Arbeitsmarkt (Rekordarbeitslosigkeit Behinderter!), weder im Freizeitbereich noch im Pfarrleben eine Selbstverständlichkeit. Behinderte und deren Angehörige haben ein Recht auf die Solidarität der Kirchen. Jetzt kann sie eingefordert werden.

Machen Sie mit und fordern Sie den Erhebungsbogen bei Ihrer Kirchenzeitung an:
Kirchenzeitung „Kirche“, Wilhelm-Greil-Straße 7, 6020 Innsbruck; Fax: 05 12/59 8 47-403; E-Mail: kirchenzeitung@dioezese-linz.at

Umfassende Informationen zum Sozialwort gibt es: KSÖ, Schottenring 35, 1010 Wien und auf der Homepage: www.sozialwort.at




Mehr Platz für behinderte Kinder


Die Katholische Jungschar wollte es genau wissen: Wie schaut es mit den Freizeitbedürfnissen behinderter Kinder aus? Herausgekommen sind „Hausarbeiten“.

Am 11. November wird sich die Katholische Jungschar beim Bundesführungskreis eingehend mit der von ihr in Auftrag gegebenen Studie „Freizeit mit Hindernissen“ (s. Kasten) beschäftigen. Die Tiroler Sonderschulpädagogin und Psychologin Petra Flieger hat darin die Freizeitbedürfnisse behinderter Kinder und das „Angebot“ von Kinder- und Jugendorganisationen und Freizeiteinrichtungen unter die Lupe genommen. Ihr Befund ist ernüchternd: „Es sagt zwar niemand, wir nehmen in unsere Gruppen, in unser Zentrum etc. keine Kinder und Jugendliche mit Behinderung auf. In der Praxis gibt es die Integration Behinderter in den Gruppen der Jungschar, der Kinderfreunde etc. aber nur sporadisch. Ich bin bei meiner Untersuchung auf einige tolle Beispiele gestoßen, etwa wie ein mongoloides Mädchen in einer Innsbrucker Jungschargruppe ganz selbstverständlich mitmacht – aber es sind Einzelfälle, wo sich Eltern oder eine Gruppenleiterin besonders engagieren. Bei den meisten Organisationen und Einrichtungen aber gibt es keine Politik der Integration. Und es fehlt auch weitgehend die Unterstützung der öffentlichen Hand für die Integrationsmaßnahmen Freizeitbereich.“

Die Konsequenzen

Die Jungschar will diese Kritik „sehr ernst nehmen“, sagt Geschäftsführer Reinhard Feichter. „Wir wollen das Anliegen der Integration behinderter Kinder konsequent in die Ausbildung unserer Gruppenleiter/innen einbauen. Dabei geht es sowohl um die Motivation von Gruppenleitern/ innen, behinderte Kinder bzw. deren Eltern für ein Mittun in der Jungschar anzusprechen, als auch um konkrete Hilfestellungen, wie man in der Gruppe mit behinderten Kindern umgeht, damit es für alle zur Bereicherung wird.“ Darüber hinaus will die Jungschar aber auch Gespräche mit Vertretern politischer Parteien aufnehmen, wie eine verstärkte Beteiligung von behinderten Kindern und Jugendlichen an diversen Freizeitaktivitäten unterstützt werden kann (Zubringerdienste, entsprechende Gestaltung von Räumlichkeiten etc.). Und schließlich will man auch in der Kirche dafür eintreten, Behinderte und ihre Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen und sie stärker in das Leben der Gemeinden und Organisationen zu integrieren. Birgit Röthler aus Puchenau hat als Heimstundenleiterin der Pfadfinder/innen, als Teilnehmerin und Organisatorin des Pfingstlagers für Behinderte und Nichtbehinderte („Pfingstl“) der Pfadfinder Oberösterreichs persönlich gute Erfahrungen mit der Integration Behinderter gemacht. „Es ist sicherlich nicht immer einfach, das notwendige gegenseitige Verständnis zu vermitteln und die entsprechenden Kompromisse zu finden, damit Integration allen Beteiligten etwas bringt, aber es lohnt sich. Wichtig ist, dass die Heimleiter/innen für diese Arbeit entsprechend vorbereitet und unterstützt werden.“ Darin sieht die Landesbeauftragte für die Behindertenarbeit der Pfadfinder/innen auch eine zentrale Aufgabe. Ein weiteres Anliegen ist ihr, es unter den Eltern behinderter Kinder noch bekannter zu machen, dass ihre Sprösslinge bei den Pfadfinder/innen herzlich willkommen sind.

Behindertenarbeit ist bei den Pfadfindern seit vielen Jahren ein Anliegen. In Oberösterreich, Kärnten und Tirol gibt es dafür eigene Landesbeauftragte. In der Ausbildung der Heimleiter/innen ist das Thema ein fixer Bestandteil, auch wenn sich Röthler noch mehr Fortbildung wünscht.




Die Studie:

Im „Bericht zur Lage der Kinder 2000“ greift die Jungschar das verschwiegene Thema auf, wie Kinder mit Behinderung ihre Freizeit erleben, wie ihre Eltern das sehen und was die Anbieter von Freizeitaktivitäten dazu sagen. Wesentliche Aussagen des Berichtes: Kinder mit Behinderung haben dieselben Freizeitbedürfnisse wie ihre nicht behinderten Altersgenossen. Sie können bei vielen Aktivitäten aber nicht mitmachen, weil sie durch ihre speziellen Schulen und Therapien wenig Freizeit haben, weil die Eltern oft nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu Heimstunden etc. hinzubringen bzw. oft auch Scheu haben, ihre Kinder in „normale Gruppen“ zu schicken, weil es in den meisten Kinder- und Jugendorganisationen Integration zu wenig bewusst wahrgenommen wird.




Das Beispiel:

Pfadfinder wie alle

Schon der Gründer der Pfadfinder trat für die Einbindung Behinderter ein. Zunächst geschah das in eigenen Gruppen für Behinderte, die sich „Pfadfinder trotz allem“ (PTA-Gruppen) nannten. Mit dem Zunehmen des Integrationsgedankens hat sich auch die Praxis der Pfadfinder geändert. Immer mehr Gruppen mit nicht behinderten Kindern öffneten sich für Behinderte. Von manchen Landesverbänden wird das unter dem neuen Namen „Pfadfinder wie alle“ (PWA) bewusst unterstützt. Die intensivste Behindertenarbeit in Österreich gibt es bei den Pfadfindern in Vorarlberg. „Wir haben beides“, sagt die Landesbeauftrage Tanja Damonte. „In zahlreichen unserer 28 Pfadfinder/innen-Gruppen gibt es behinderte Kinder und Jugendliche. Wir haben aber auch sieben Behindertengruppen mit 120 Mitgliedern. Solange es sich um Kindergruppen handelt, ist die Integration Behinderter sehr gut möglich. Wenn die Mitglieder ins Jugendalter kommen, gehen die Interessen immer mehr auseinander. Da kann auf die Bedürfnisse Behinderter oft besser in eigenen Gruppen eingegangen werden.“

Informationen über Integration bei den Pfadfinder/innen (PWA, PTA): Oberösterreich: Birgit Röthler, Tel. 06 99/10 11 36 24; Vorarlberg: Tanja Damonte, Tel. 0 55 72/2 74 57; Tirol: Landesverband, Tel. 05 12/58 29 06.
Den Bericht zur Lage der Kinder 2000 gibt es: Kath. Jungschar, Wilhelmstr. 91/IIf, 1160 Wien, Tel. 01/4 81 09 97, www.jungschar.at (145 öS).
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