Jeder fünfte Mord wird in Russland vom Ehepartner verübt. Die Mehrzahl der Opfer sind Frauen. Gewalt in der Familie gilt als „Privatangelegenheit“. Frauen in Not erhalten Unterstützung, auch aus Österreich.
Vera ist 30 Jahre alt und im achten Monat schwanger. Seit ihrer Schwangerschaft hat sich das Verhältnis zu ihrem Mann massiv verschlechtert. Warum genau, weiß sie nicht. Aber seit dem Zeitpunkt überwacht er sie, droht ihr, sie umzubringen und „... niemand wird es merken.“Silvesterabend. Vera und ihr Mann Alexej sitzen vor dem Fernseher. Vera will auf ein anderes Programm wechseln. Plötzlich steht der bereits leicht alkoholisierte Alexej auf, schnappt sich Vera und schmeißt sie mit dem Kopf voran gegen die Wand. Es ist ganz still in der Wohnung. Vera wird an den Haaren ins Schlafzimmer gezerrt, dort wird sie von Alexej so lange geschlagen, bis er müde wird. Dann verschwindet er schweigend aus der Wohnung. Am nächsten Tag ruft Vera im Krisenzentrum für „Frauen in Not“ an, erzählt ihre Geschichte, lässt sich beraten. Vera ist mit ihrem Schicksal nicht allein: Jede zweite Frau in Russland ist familiärer Gewalt ausgeliefert. Die schlechte Wirtschaftslage verschärft diese Situation, die Aggression steigt auch innerhalb der Familien.
„Wenn er dich schlägt . . .“
36.000 Fälle von physischer Gewalt zwischen Eheleuten wurden 1998 registriert. Jeder fünfte Mord wird in Russland vom Ehepartner begangen. Die große Mehrheit dieser Mordopfer sind Frauen. Häusliche Gewalt wird als „Privatangelegenheit“ betrachtet. Die Verlierer dieser Sicht sind Frauen. „Wenn er dich schlägt, dann liebt er dich“, beschreibt Pisklakova die gesellschaftlich akzeptierte Entschuldigung. Marina Pisklakova war Mitarbeiterin der „Akademie der Wissenschaften“ in Moskau und hat vor acht Jahren die erste Telefon-Hotline für Frauen ins Leben gerufen. Für sie gab es verschiedene Berührungspunkte mit dem Thema: In der Schule ihres Sohnes lernte sie zwei Mütter kennen, bei denen sich im Gespräch herausstellte, dass sie seit über zehn Jahren von ihren Männern geschlagen wurden. Niemand sprach darüber. Pisklakova wollte helfen. „Aber plötzlich war da ein Vakuum. Niemand wollte sich äußern. Und es gab keine Organisation, die sich darum kümmerte.“
Hotline für Frauen
Die Telefon-Hotline war ein erster Schritt. Zunächst machte Pisklakova alleine Tag und Nacht Telefondienst, um Frauen in Not zu helfen. 1991 besuchte sie in Schweden ein Krisenzentrum für Frauen, und kehrte mit einer Mitarbeiterin zurück. Die Hotline für Frauen wurde ausgebaut, Kontakte geknüpft. Zufällig machte die Österreichische Caritaszentrale Bekanntschaft mit dem Projekt. Seit 1992 wird diese Einrichtung für „Frauen in Not“ von der Caritas unterstützt und die Ausbildung für Beraterinnen teilweise finanziert, berichtet Josef Worm von der Österreichischen Caritaszentrale. Auch die Europäische Union fördert dieses Projekt. Die Telefonseelsorge Linz arbeitet seit heuer mit den Frauenzentren zusammen und stellt wie die Caritas ihr „Know-how“ zur Verfügung. Mittlerweile sind in Russland 35 Beratungsstellen für „Frauen in Not“ gegründet worden. Unter dem Namen „Anna“ haben sich diese zu einem Dachverband zusammengeschlossen. Präsidentin dieses Verbandes ist Marina Pisklakova, die 1997 für ihre Aufbauarbeit den „Human Right Watch Award“ bekommen hat.In den größeren Städten wie Moskau und St. Petersburg nehmen 3000 Frauen jährlich die Beratung der Frauenzentren in Anspruch: psychologische und juristische sowie individuelle Betreuung wird geboten, aber auch Bewusstseinsarbeit in Schulen geleistet, damit es erst gar nicht so weit kommt, dass Gewalt der letzte Ausweg ist.
Information:
Gewalt gegen Frauen
Der Begriff „Gewalt gegen Frauen“ bezeichnet jede Handlung geschlechtsbezogener Gewalt, die der Frau körperlichen, sexuellen oder psychischen Schaden zufügt. Auch die Androhung solcher Handlungen, die Nötigung oder Freiheitsberaubung in der Öffentlichkeit oder im Privatleben ist als gewalttätiger Akt zu bezeichnen.
Situation in Österreich
Unter der Tel. 0 800/222 555 wurde vor zwei Jahren eine Helpline gegen Gewalt eingerichtet, die kostenlos und österreichweit rund um die Uhr zu erreichen ist. Die Finanzierung dieser Helpline ist bis Ende des Jahres gesichert und wird voraussichtlich auch 2001 möglich sein. Acht Mitarbeiterinnen bieten Information und Beratung an. 6338 Personen haben bereits im ersten Jahr die Helpline kontaktiert. In mehr als 20 Prozent der Fälle ging es um ein akutes Gewaltproblem. Im Jahr 1999 nahmen 1043 Frauen in 18 autonomen Frauenhäusern Zuflucht, 10.922 ließen sich beraten.