Zu den Spitzentexten des Ersten und des Neuen Testaments gehören die 1. Lesung und der Evangelienabschnitt dieses Sonntags. Sie drücken den Kern gläubiger Existenz aus: das Bekenntnis zum einen Gott und das Befolgen seiner Weisungen – besonders den anderen Menschen gegenüber –, um dadurch Glück und Erfüllung zu erleben.
Das Bekenntnis zum einen Gott ist Israel nicht leicht gefallen. Groß waren die Versuchungen. Man könnte sie so formulieren. Zunächst: Wir sind jetzt sesshaft geworden; sollten wir uns nicht auch religiös den Kanaanäern angleichen, die viele Götter verehren? Später: Wir haben jetzt einen König wie alle Völker; sollten wir ihm nicht göttliche Autorität zuerkennen? Noch später: Jerusalem ist zerstört und wir sind nach Babylon verschleppt; sollte das nicht ein Zeichen der Ohnmacht unseres Gottes sein?
Mir scheint, dass auch uns oft ähnliche Versuchungen überkommen: Auch wir sind nach den Jahren des Krieges und Wiederaufbaus sehr sesshaft, eingesessen, satt geworden; sollten wir uns nicht nach neuen Göttern umsehen: Geld, Karriere, Konsum, Wirtschaftswachstum …? Und: Angesichts der großen Anonymität wächst wieder der Ruf nach einem „starken Mann“; sollten wir nicht bestimmten Stars, politischen Führern, religiösen Gurus … nachfolgen? Weiters: Der kirchlich verfasste Glaube befindet sich auf Talfahrt: Mitgliederzahlen und sog. geistliche Berufe gehen zurück, aber auch gemeinsames Gebet und Gottesdienst finden immer weniger Anklang; sollten wir nicht endgültig das sinkende Schiff verlassen?
In der Tat gibt es heute sehr viele neue Götter, neue Kultorte und neue Handlungsanweisungen, mit denen man angeblich glücklich werden soll. Doch: „Dieser Weg führt ins Nichts und wir finden nicht das Glück“ heißt es im bekannten Lied „Kommt herbei“ (GL 270). Sind nicht die große Zahl kaputter Menschen, Beziehungen, aber auch Landschaften heute der deutliche Beweis dafür?
Das Bekenntnis zum einen Gott und das Halten seiner Weisungen sind für uns lebens-, ja überlebens-notwendig. Ob dieses Bekenntnis echt ist, zeigt sich an unseren alltäglichen Entscheidungen. Juden heften eine Kapsel, die den Text des „Höre, Israel!“ enthält, an die Türpfosten. Auch mir hat eine gute Bekannte eine solche Kapsel (Mesusa) aus Israel mitgebracht, die seitdem am Türpfosten meines Arbeitszimmers hängt. Sie soll mir mehrmals am Tag in Erinnerung rufen: „Höre, Karl! Gott, unser Gott, Gott ist einzig. Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben … und deinen Nächsten wie dich selbst.“