Die Anthropologin Dr. Ewa Klonowski hebt Massengräber in Bosnien aus
Ausgabe: 2000/44, Bosnien, Massengräber
31.10.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Viele Menschen in Bosnien fühlen sich befreit, wenn sie aus Massengräbern geborgene Gebeine als Überreste ihrer vermissten Familienmit-glieder identifizieren können.
Die „Ethnischen Säuberungen“ führten im bosnischen Bürgerkrieg zur Abschlachtung zehntausender Menschen. Die polnische Anthropologin Dr. Ewa Klonowski birgt seit Jahren die Gebeine Ermordeter aus den Massengräbern. Mit ihrer Arbeit ermöglicht sie Hinterbliebenen Gewissheit über ihre vermissten Familienmitglieder zu bekommen und Abschied von einem geliebten Menschen zu nehmen. Mitglieder der Flüchtlingshilfegruppen aus Steinerkirchen/Fischlham und St. Georgen/G. wurden Zeugen einer Identifizierung: Acht Jahre lang suchte eine Mutter nach ihrer Tochter. In einer Fabrikshalle bei Sanski Most fand ihr Umherirren ein Ende. Dort, wo die Überreste von 230 exhumierten Personen verwahrt sind, erkannte sie anhand von Kleidungsresten und eines auffälligen Kieferknochens ihre Tochter. Die Frau bat die oberösterreichischen Flüchtlingshelfer bei ihr zu bleiben. Sie stellte ein Foto ihrer Tochter zu deren sterblichen Überresten – die folgenden Momente werden die Flüchtlingsbetreuer ihr Leben lang nicht vergessen. Wenige Wochen später fand die Mutter in derselben Halle ihren Sohn. Den rastlosen Einsatz für die Exhumierung von Gräbern versteht Klonowski als ihren Beitrag zur Achtung der Menschenwürde in Bosnien.
Kommentar:
Die Toten von Sanski Most
Eigentlich sind sie nicht zumutbar – aber sie zeigen die Wirklichkeit. In Massengräbern lagen sie verscharrt, und niemand sollte sie mehr wiederfinden. Die Ermordeten des Krieges in Bosnien. So war es bei den Toten des Nationalsozialismus, so in Kambodscha und in vielen anderen Orten der Erde.
Die Untat der Menschen liegt aufgebahrt in einer Halle. Für die Angehörigen herrscht jetzt Gewissheit. Wenigstens trauern können sie jetzt.
Ähnlich ist Jesus ums Leben gekommen. Gemartert, gekreuzigt.Im Blick auf den Gekreuzigten haben Menschen Kraft zum Einsatz für das Leben gefunden.
Das Unrecht hat nicht das letzte Wort und die Täter werden nicht triumphieren, auch wenn es oft anders scheint. Das ist die Erfahrung des Gottesvolkes in der Heiligen Schrift. Es fiel den Gläubigen schon damals nicht leicht, daran zu glauben.
Die Namen der Martyrer haben die Geschichte überdauert, nicht die ihrer Folterer. Wachsam zu sein für das Leben – das ist die Aufgabe, zu denen die Bilder aus Sanski Most mahnen.