Jugendzentrum „Come In“ möchte Lust auf das Leben machen
Ausgabe: 2000/45, Jugendzentrum, Cornelia
07.11.2000
- Walter Achleitner
Kinder und Jugendliche suchen Menschen, die bedingungslos zu ihnen stehen. Eine Tagung in Wien widmete sich dem Modell der Jugendseelsorge Don Boscos.
Aidsprävention, Drogen- und Suchtprävention oder Präventivmedizin, Prävention gegen sexuellen Missbrauch, gegen Essstörungen, gegen Trennung und Scheidung – die Liste der Vorbeugungsfelder der modernen Gesellschaft ist lange geworden. Doch auch schon Johannes Bosco sprach Mitte des 19. Jahrhunderts in seiner Jugendarbeit vom so genannten „Präventivsystem“. „Gestalten statt verhindern“ nannten daher die Salesianer Don Boscos ihre Tagung vom 26. bis 28. Oktober, um dieses pädagogische und sozialpolitische Anliegen des heiligen Jugendseelsorgers für das 21. Jahrhundert verständlicher zu machen.
Jugend ohne Zukunft
„Auch unseren Jugendlichen wird vieles verhindert“, erzählt Andrea Winkler, die pädagogische Leiterin des „Come In“. Das Jugendzentrum im Schatten einer riesigen Gemeindebauanlage des 23. Wiener Gemeindebezirks widmet sich dem Modell der Jugendarbeit des Don Bosco. Bis zu 150 junge Menschen kommen hier jede Woche vorbei, die meisten von ihnen sind 17 Jahre. Winkler: „Unsere Leistungsgesellschaft bezeichnet sie als Modernisierungsverlierer. Den meisten von ihnen fehlt die Fähigkeit, mit Ausdauer an etwas heranzugehen. Damit haben sie es äußerst schwer am Arbeitsmarkt, viele scheitern schon beim Durchhalten der Lehrzeit. Neben Perspektiven- und Arbeitslosigkeit sind sie armuts- und suchtgefährdet.“Dass ihnen mit dem „Come In“ eine Alternative zur Straße, zum Park oder zu Lokalen geboten wird, sei schon der erste Schritt zur Prävention. Doch das allein, so Andrea Winkler, sei zu wenig: „Vor allem geht es um Suchtprävention, denn da spielt es sich ab.“ Das Wort Drogen vermeidet sie, denn das würde den Blick auf mögliche Suchtgefahren zu sehr einengen: Fernsehen, Internet oder auch Spielautomaten zählen zu gefährlichen Substanzen.
Lust auf Leben
„Statt zu verhindern wollen wir den Jugendlichen helfen, Gestaltungsmöglichkeiten für ihr eigenes Leben zu entdecken“, formuliert die pädagogische Leiterin das Ziel des „Come In“. Die Formel dazu lautet: Lust auf Leben. Das heißt, junge Menschen erfahren, wie kreativ sie sein können, lernen ihren Körper auch ohne Hilfe von Substanzen wahrzunehmen. Oder erleben, dass Angenommen- und Geborgensein in einer Gruppe auch rauschfrei möglich sein kann.Diese Erfahrungen, die viele außerhalb des „Come In“ noch nicht gemacht haben, sind für die Jugendlichen lebenswichtig. Und im Don-Bosco-Jugendzentrum erleben die von der Gesellschaft als „Randgruppe“ gebrandmarkten, dass sie nicht nur von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ernst genommen werden.
Zur Sache:
Gebt Kindern Herzlichkeit
Für Johannes Bosco (1815 bis 1888) war die Nähe zur Jugend besonders wichtig. Die Art und Weise, wie der Seelsorger mit Jugendlichen lebte, nannte er „Präventivsystem“. Don Boscos Modell ist getragen von „Liebe, Vernunft und Glauben“. Kinderpsychiater Max Friedrich beschreibt Don Boscos Forderungen für die Erziehung:
Gebt Kindern Herzlichkeit
- Wer Kindern keine Herzlichkeit gibt, kann sie auch von ihnen nicht erwarten. Kinder haben ein Anrecht auf Liebe. Und zwar sowohl auf individuelle als auch kollektive und konfessionelle Liebe durch das Eingebundensein in eine Gemeinschaft. - Kinder haben ein Recht auf Leitung und Führung, auf einen geschützten Raum für altersgerechte Entfaltung und Gewaltfreiheit in ihrer Umgebung. - Phantasien von Kindern dürfen nicht durch die frühe Konfrontation mit Gewalt zerstört werden. - Kindern nicht Angst machen, sondern ihre Wachsamkeit fördern. Statt hörig sollen sie kritisch werden, damit sie situationsgerecht richtig reagieren können. - Jugendliche müssen erkennen, dass Erwachsene dem Vertrauen gerecht werden, das Jugendliche in sie haben. Wenn sie sich nicht darauf verlassen können, dass Erwachsene hinter ihnen stehen, ist Aggression oft Ausdruck des Schutzbedürfnisses. - Prävention bedeutet: Lebensnähe zu trainieren. Das monologische Einreden auf Jugendliche nützt nichts. Ein Dialog muss entstehen.